Zur Diskussion über Organspende und Hirntodkriterium: Ein Sterbender ist keine Leiche

Als Tagespost-Leser weiß ich, dass auch in Kirchenkreisen über Organtransplantation heftig gestritten wird. Auch in der Ausgabe Nr. 138 wird darüber unter der Überschrift „Hartes Ringen hinter den Kulissen“ berichtet. Mich bewegt jedoch zunächst die Ansprache des Papstes vom 7. November, die in der DT Nr. 136 unter der Überschrift „Das Prinzip der Vorsicht hat Vorrang“ veröffentlicht wurde.

Beim ersten Lesen der Ansprache von Papst Benedikt XVI. hatte ich den Eindruck, es handelt sich um massive Werbung für die Organspende: besondere Form der Nächstenliebe; Pflicht, das eigene Leben zum Geschenk für andere zu machen; Lob der Großzügigkeit und des Altruismus der Organspender; Beklagen von Organ-Mangel und langen Wartelisten; Zeugnis der Nächstenliebe, die über den Tod hinauszusehen weiß. Der Eindruck der Werbung wird in der Publikation auch unterstützt durch das gezeigte Bild eines Organspende-Ausweises.

Beim zweiten Lesen traten die möglichen Formen des Missbrauches bei Organtransplantationen hervor: Handel mit Organen; Anwendung diskriminierender und utilitaristischer Kriterien; Organspende als erzwungene Handlung oder Akt der Ausnutzung; Entnahme lebenswichtiger Organe aus einem noch lebenden Menschen (also nicht „ex cadavere“); Missachtung des Lebens der Organspender. Letztgenannter Punkt ist in meinen Augen der kritischste. Trifft einen Menschen Hirnversagen, dann ist er ein Sterbender, aber niemals eine Leiche. Ihm lebenswichtige Organe zu entnehmen ist aktive Sterbehilfe.

Um diesen Missbrauch in die Nähe des Erträglichen zu bringen, wäre es dringend geboten, im Transplantationsgesetz die strenge Zustimmungslösung anstelle der erweiterten – wie zurzeit gültige Praxis – zu verankern. Die schrecklichen Zustände, in die Angehörige geraten können, würden so vermieden werden. Bis es soweit ist, spreche ich lieber von Organ-Gebern als von Organ-Spendern.

Einer der wichtigsten Sätze in der Ansprache von Papst Benedikt XVI. ist in meinen Augen sein Hinweis auf das Lukasevangelium: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“ (Lk 9,24) Im Kontext des Evangeliums geht es dabei um die Nachfolge Jesu. Auch muss man unterscheiden zwischen irdischem und geistigem Leben (Geistiges Leben=Nähe zu Gott, Geistiger Tod=Entfernung von Gott).

Übertragen auf die Situation bei der Organtransplantation ergibt es nur einen Sinn, wenn man den Satz auf den Organ-Empfänger anwendet. Er kämpft um sein irdisches Weiterleben. Beim Organ-Geber ist dieser Kampf beendet, und es geht um ein würdiges Zu-Ende-Sterben.