Zur Diskussion über Kürzungen in den liturgischen Lesungen: „Wer heilig ist, trete hinzu!“

Zur Interpretation von 1 Kor 11,27 ff.: In seinem Leserbrief „Die diakonische Dimension der Liturgie“ versuchte Peter Lauschus den Skandal, der in der Auslassung von 1 Kor 11,27–29 in der modernen Messe am Gründonnerstag und am Fronleichnamsfest liegt, durch den Hinweis auf den konkreten Anlass der Verse etwas zu entschärfen. Jene lauten in der biblischen Fassung: „Wer also unwürdig das Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, wird sich am Leibe und Blute des Herrn versündigen. Es prüfe sich aber der Mensch selbst, und so esse er von dem Brot und trinke aus dem Kelch. Wer nämlich (unwürdig, Vulg.) isst und trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht, wenn er den Leib (des Herrn, Vulg.) nicht unterscheidet (nämlich von gewöhnlicher Speise).“ Früher schlossen sich am Gründonnerstag dann sogar noch jene Verse an, in denen sich Paulus für seine Warnung auf Gottes Strafgericht bezieht, das sich schon an Zuwiderhandelnden vollzogen habe.

In der protestantischen Exegese (und auch in der modernen katholischen) ist es nun in der Tat üblich geworden, „unwürdig“ (griechisch: anaxios) lediglich auf das zucht- und lieblose Verhalten zu beziehen, das die Korinther beim „Herrenmahl“ an den Tag gelegt hatten (1 Kor 11,20–22 und 33 f.), und nicht etwa auf das Bewusstsein einer allgemein unwürdigen, da sündhaften Seelenverfassung. Aber der protestantische Exeget Ph. Bachmann interpretiert den Paulus-Text zu Recht folgendermaßen: „Wenngleich also anaxios zunächst auf die Weise des Genusses geht, so besagt dokimazeto heauton (,er prüfe sich‘), indem es die prüfende Durchmusterung der eigenen Persönlichkeit zur Pflicht macht, doch, dass der würdige Genuss die Angemessenheit des inneren Menschen an den ernsten Inhalt der Handlung voraussetzt.“ (Komm. zum NT, hg. von Th. Zahn, Bd. VII, Leipzig 1905, 379)

Und so hielt es die Kirche von Anfang an. In der Didache Apostolon (10,6) wird Ende des ersten Jahrhunderts zum Eucharistieempfang verkündet: „Wer heilig ist, trete hinzu; wer es nicht ist, tue Buße.“ Noch heute heißt es nach antikem Vorbild in der östlichen Göttlichen Liturgie des Johannes Chrysostomus ganz ähnlich: „Das Heilige den Heiligen!“ Der Martyrer Justin zählte um 150 die Voraussetzungen für den Kommunionempfang auf, die immer noch ohne Abstriche gelten: Man muss getauft sein, den katholischen Glauben zur Gänze bekennen und unverkürzt nach den Geboten Christi leben (Apol. 66,1). Immer wieder beziehen sich die frühen christlichen Texte für diese Haltung ausdrücklich auch auf die Weisungen des heiligen Paulus aus dem Korintherbrief, so zum Beispiel im 3. Jahrhundert Origenes im Matthäuskommentar 11,14 oder Cyprian in ep. 16,2.

Die Kürzung des Lesungstextes durch die Liturgiereform bleibt angesichts der Bedeutung jener Mahnung des heiligen Paulus unverständlich. Diese eindringlichen Worte zu bewahren wäre heute umso notwendiger, als der Glaube an die Realpräsenz in einer beängstigenden Weise geschwunden oder zumindest geschwächt ist.

Auch folgendes priesterliche Gebet, ist heute nur noch fakultativ: „Der Genuss Deines Leibes, Herr Jesus Christus, den ich Unwürdiger zu empfangen wage, gereiche mir nicht zum Gerichte und zur Verdammnis, sondern durch Deine Güte zum Schutz für Leib und Seele und zu meiner Heiligung: der Du lebst und herrschst...“.