Zur Diskussion über Hirntodkriterium und Organtransplantation: Dem ärztlichen Eid verpflichtet?

Man kann der „Tagespost“ nur dankbar sein, dass sie sich des Themas Organtransplantation in vielen Artikeln annimmt und es kritisch beleuchtet. Ich teile Ihre Einschätzung bezüglich der Transplantation lebenswichtiger Organe; lediglich ein Argument scheint mir bisher kaum genannt worden zu sein: Die Ärzteschaft ist heute so tief involviert in das Töten von Menschen, dass der einmal existierende Konsens, der sich im hippokratischen Eid spiegelt, nämlich keinem Patienten willentlich schaden oder ihn töten zu wollen, praktisch nicht mehr existiert. Wie viele Ärzte gibt es noch in den westlichen Ländern, die sich der ärztlichen Ethik verpflichtet wissen, welche in diesem Eid sichtbar wird?

Man könnte bestimmt zu Recht sagen, dass im Westen heute mehr Menschen durch Ärzte und mithilfe medizinischer Technologien getötet werden, als auf die „klassische“ Weise mithilfe von Waffen und durch Kriege. Einige Beispiele: Es sind Ärzte, die Abtreibungen durchführen, Verhütungsmittel mit abtreibender Wirkung verschreiben, Embryonenforschung betreiben, künstlich Kinder produzieren und dabei in Kauf nehmen, dass überzählige Embryonen sterben. Ärzte führen – legal oder illegal – „Euthanasie“ und Sterbehilfe durch und lassen Krankenhauspatienten, Insassen von Haftanstalten und Bewohner von Behinderteneinrichtungen oder Pflegeheimen an mangelnder medizinischer Grundversorgung zugrunde gehen, wenn sie meinen, ihr Leben besitze eine zu geringe Lebensqualität oder sei nicht mehr lebenswert. Ärzte entscheiden bei der PID, wer ein Recht auf Leben hat. Ärzte benutzen Impfstoffe, die ohne getötete menschliche Embryonen überhaupt nicht hätten produziert werden können. In manchen Ländern, in denen die Todesstrafe legal ist, führen Ärzte Exekutionen durch. Illegale Organtransplantationen, bei denen die „Spender“ ihre Organe nicht freiwillig zur Verfügung stellen, sind ebenfalls nur möglich, weil Ärzte sie durchführen. Viele der genannten Praktiken werden unter anderem von Ärzten mit viel Aufwand öffentlich propagiert oder zumindest stillschweigend als richtig angesehen.

Natürlich sind zum Glück nicht alle Ärzte an entsprechenden Handlungen beteiligt, aber leider ein immer größerer Teil von ihnen. Ich möchte hier keinesfalls eine ganze Berufsgruppe diskreditieren und für gesellschaftliche Entwicklungen allein verantwortlich machen, für die andere ebenfalls Verantwortung tragen, doch zu übersehen, wie unmoralisch ein großer Teil dieser Berufsgruppe inzwischen handelt, wäre ein Fehler.

Warum sollte man also von einer Berufsgruppe, die tendenziell immer weniger Bedenken hat, Menschen zu töten oder ihren Tod zumindest in Kauf zu nehmen, erwarten, dass sie ein Kriterium, wie den Hirntod, ernst nimmt? Ganz abgesehen davon, dass im Laufe der Zeit zahlreiche unterschiedliche Definitionen des „Hirntodes“ existierten und an verschiedenen Orten unterschiedlich gehandhabt wurden beziehungsweise sich die Ärzteschaft nie auf eine gemeinsame gültige Definition einigen konnte? Selbst wenn es medizinisch möglich sein sollte – was ich nicht beurteilen kann – einem wirklich Toten ein lebensnotwendiges Organ zu entnehmen und es in einen lebenden Menschen zu transplantieren, wäre es doch naiv, sich darauf zu verlassen, dass eine Berufsgruppe mit solch ambivalenter Haltung bezüglich der Fragen von Leben und Tod, das Problem des genauen Todeszeitpunktes wirklich ernst nimmt. Noch dazu, wenn es sich um eine medizinische Technologie handelt, mit der Geld verdient werden kann oder die so manchen Zeitgenossen reizt, weil sie, technisch hochkompliziert, uns dem uralten Traum von der menschlichen Machbarkeit der Unsterblichkeit näherzubringen scheint.

In manchen Ärztekreisen anderer Länder, zum Beispiel in den USA, ist die hier geführte Diskussion längst überholt. Da wird ganz offen gesagt, dass die „Spender“ noch nicht tot sind, aber verschiedene Gründe (meist utilitaristischer Art) die Organentnahme trotzdem rechtfertigen. Das ist bitter, aber zumindest ehrlich. Warten wir ein paar Jahre ab, dann wird sich auch hier die Diskussion dahin verlagert haben. Es gibt ein katholisches Prinzip, das lautet: Im Zweifel für das Leben.