Zur Debatte um die rechte Übersetzung des Vaterunsers: Ich mag das Schwarzbrot des Glaubens: Konsequenz des gewandelten Gottesbildes

Zu den klugen und wichtigen Gedanken pro und contra zur gegenwärtigen Übersetzung dieser, zugegebenermaßen auch für mich schwierigen Vaterunser-Bitte kann und will ich inhaltlich nichts weiter hinzufügen.

Was ich aber tun möchte, ist auf die Wirkung der päpstlichen Einlassung zu dieser Bitte einzugehen, und auf die Wirkung der Einlassungen anderer, die mit dem Papst diese Übersetzung der Bitte für eine schlechte Übersetzung halten. Mir ist gleich, wer da Recht hat, aber die Bemerkung des Papstes hat bei vielen den Eindruck erweckt, dass letztlich (unter diesem Papst) alles verhandel- und wandelbar sei. Man tut dem wirklichen Franziskus damit sicher Unrecht, aber der auf Ermäßigung des religiösen Anspruchs ausgerichtete Zeitgenosse schluckt solche Bemerkungen dankbar in sich hinein.

Denn darauf zielt doch vielfach der Ruf nach Reformen, jedenfalls unter den Zeitgenossen aus dem Milieu der „Erleichterer“: Nehmt dem Glauben all das weg, was uns stört und was kantig ist. Und sie erleben sich bestätigt darin, dass man alles abändern kann. Wenn nun schon dieses „Heiligtum“ des Herrengebetes (anscheinend) zur „Jagd“ freigegeben wird, warum sollten nicht auch andere Heiligtümer des Glaubens „dran glauben“ müssen? Oder: Wenn dies schon kein Heiligtum mehr ist, umso weniger dann die anderen! Man muss wohl angesichts solcher Neigungen seine öffentlichen Worte sehr auf die Goldwaage legen, so wünsche ich mir von Franziskus. Meine Bitte ist: Lasst mir und anderen doch das Schwarzbrot des Glaubens und des Evangeliums. Ich mag dieses lasche Weißbrot nicht, welches da und dort verteilt wird, dass nach kaum etwas schmeckt und runtergeht wie nichts. Ich mag das schwere Schwarzbrot des Glaubens viel lieber, den kantigen Jesus mit seinen Gerichtsworten, an denen man lange zu kauen hat, sich manchmal die Zähne ausbeißt – aber am Schluss kommt der Geschmack, der Geschmack nach Ewigkeit, nach Wahrheit und der Entschiedenheit. Auf diesen Geschmack will ich kommen. Ja, lasst es mir auch, lange und hart zu kauen an der Nicht-in-Versuchungs-Bitte, da bleibe ich wach und da habe ich Gott nicht gleich in der Tasche, weil ich nicht alles mir nicht Verstehbare weggeklickt habe.

Lasst Gott (und auch das Vaterunser) letztlich den/das Nichtganzverstehbare bleiben. Rodet doch nicht alle Wälder des Glaubens, wo sollen wir uns denn noch unterstellen? Lasst dem Glauben noch die letzten Verhüllungen, die er braucht, um nicht nackt vor aller Augen dazustehen. Mir wird der Satz aus der Passion jetzt auf einmal sehr, sehr verstehbar: „und sie rissen ihm alle seine Kleider vom Leib“. Auch das ist eine Form der Bemächtigung, um die Bedeutung herunterzuspielen.

„weil er ein guter Vater ist“ – Papst Franziskus heißt die von der Französischen Bischofskonferenz mit Beginn des neuen Kirchenjahres in Kraft gesetzte Neuformulierung der vorletzten Vaterunser-Bitte gut. Ein guter Vater könne schließlich seine Kinder nicht in Versuchung führen. Der Wandel des Gottesbildes zeitigt Konsequenzen. Man will von seinen alttestamentlichen Kriegstaten nichts mehr hören. Er darf nicht mehr herrschen, nur noch wirken. Er ist nicht mehr allmächtig, sondern nur noch barmherzig.

Er ist nicht mehr Herr und Gott, sondern Freund und Bruder, der lebt und so bedingungs- wie grenzenlos liebt und sich nach uns sehnt. Gott ist auf dem Wege, als eine jener Mütter verstanden zu werden, die nicht Nein sagen können. Die Folgen ihres Tuns sind bekannt. Eine Gesellschaft, die sich gute Mutter- und Vaterschaft nur als immerwährendes Geben und Gewähren, Verstehen, Entschuldigen, Für- und Vorsorgen vorstellen kann, die überlegter mütterlicher Widerständigkeit und gezielter väterlicher Bewährungspädagogik gar nichts abgewinnen kann, vermag einen himmlischen Vater, wie er uns in der Bibel begegnet, nicht mehr auszuhalten.

Da muss bereinigt und geglättet, weggelassen, neu interpretiert, aktualisiert und auf das zeitspezifische Fassungsvermögen der (mehr oder weniger) Gläubigen zugeschnitten werden: Dass Gott die Ägypter ins Meer stürzte, gehört nicht in den Ostergottesdienst; wenn das Evangelium vom Letzten Gericht spricht, bezieht sich die Predigt auf eine der Lesungen; das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen wird zu einer Mahnung an erstere, weil sie ihren schläfrigen Schwestern unbedingt hätten helfen müssen; die Hölle, wenn es sie wirklich gibt, ist vermutlich leer. Dann sollte man aber nicht nur Vaterunser-Bitte Nr. 6 berichtigen. Oder kann man einen Vater gut nennen, der sich von seinen eigenen Kindern um das tägliche Brot bitten lässt?