Zur Debatte um die katholische Liturgie, ihre Reform und die Vorschläge von Robert Kardinal Sarah: Ein großer Hirte: „Auch ich möchte verstehen können“: Jenseits von Geschwätzigkeit: Bezug auf die Stille

Ich danke Ihnen für die ganze Seite mit Robert Kardinal Sarah (DT vom 8. Oktober). Der Kardinal ist für mich einer der wenigen großen Hirten unserer Zeit. Er lehrt uns ganz konkret, wie wir den Weg zum lieben Gott finden, und unterlässt es dabei nicht, uns auf unsere Verfehlungen hinzuweisen. Robert Kardinal Sarah gelingt es, wie kaum einem anderen, unseren Glauben aus dieser Welt herauszulösen und in sein Mysterium zurückzuführen. Vielen Dank an die Redaktion für diese Seite.

Zum Kommentar von Regina Einig vom 13. Oktober mit dem Titel „Sarahs Gespür für die Liturgie“: Es wird zwar wenige betreffen – aber trotzdem habe ich als Hörbehinderte folgenden Einwand: Ich lese vom Mund ab, um gut zu verstehen. Was mache ich, wenn die Liturgen/Lektoren vom Volk abgewendet sprechen? Es ist so schon anstrengend zu Hören, weil es nur in wenigen kirchlichen Räumen eine induktive Höranlage gibt. Ich bin total einverstanden, wenn im Gottesdienst der Stille Raum gelassen wird, diese Stille fehlt mir sehr. Aber ich möchte auch Gottes Wort und die Fürbitten und anderes verstehen können.

Die Wendung nach Osten ist eine Himmelsrichtung wie die anderen Richtungen auch, aber zeichenhaft mehr; die geografische Länge östlich des Nullmeridians ist die Richtung des Sonnenaufgangs, in der christlichen Tradition seit der Antike die bewusste äußere und innere Haltung zum Herrn hin. Die verehrende Geste hat somit geschichtsträchtige Symbolkraft. Kardinal Sarah weist eindringlich in nüchterner Klarheit auf das Heilige und den Kult, die die Eingangspforten für das spirituelle Leben seien.

Dazu sei eine Anmerkung aus der geschichtlichen Tradition des nördlichen Christentum angebracht. In seinem Büchlein „Ansgar, Apostel des Nordens“ (topos, 2009, S. 19) berichtet David Fraesdorff über eine Vision Ansgars: „Dort sah er zahlreiche Heilige sowie die in der Offenbarung verkündeten 24 Ältesten, die auf ihren Sesseln saßen; alle beteten gen Osten, von wo schließlich ,ein wunderbarer Glanz‘ und ,ein unnahbares Licht von gewaltiger, unermesslicher Klarheit‘ erschien.“

Die Vision ist jenseits aller dreister Geschwätzigkeit. Sie ist eine starke innerliche Erfahrung von Größe und Unendlichkeit und hat Ansgar mitgeprägt, da er sie nicht vergaß.

Man wird abwarten müssen, wie die völlig richtigen Gedanken von Kardinal Sarah in der liturgisch chronisch hyperaktiven Kirche hierzulande aufgenommen und ob sie überhaupt umgesetzt werden. Wie man formell korrekt und oberflächlich gesehen Rom „gehorsam“ ist, ist ja seit der scheinheiligen „Umsetzung“ des Motu Proprio „Summorum-Pontificum“ bestens bekannt: die außerordentliche Form des Römischen Ritus gibt es in der Regel um 7 Uhr hinter den 7 Bergen bei den 7 Zwergen.

Der notwendige Bezug auf die Stille wird bei den liturgischen Funktionsträgern völlig vorbeigehen, die in der Messe weniger an einer Gottesoffenbarung, dafür aber umso mehr an persönlicher Selbstdarstellung interessiert sind.

Wohl aus diesem Grund degenerierten Eucharistiefeiern flächendeckend zu perfekt choreografierten Kollektivversammlungen mit einem durchgestalteten Gruppenanimationsprogramm. Nicht der Kontakt zu Gott steht dort zu oft im Mittelpunkt, sondern eine systematische Pädagogisierung und penetrante Indoktrinierung der Gottesdienstbesucher. „Das Ritual wird zur Gleitschiene der Bevormundung. Die Unterordnung des Rituals unter die Wortverkündigung konstituiert einen ideologisierend-disziplinierenden Zwang ...“ (A. Lorenzer: „Das Konzil der Buchhalter – Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik“, 1988, S. 81f.).

Für meinen Teil bin ich bis zum Beweis des Gegenteils eher skeptisch, bedingen doch die Gedanken des Kardinals solide Messfeiern, die sich nicht als ein „kreativ gestalteter“ Gemeinschaftskult entpuppen, bei denen man fortwährend den spontanen liturgischen Einfällen der Pfarrer und dem Selbstdarstellungsdrang ambitionierter Laien ausgesetzt ist. Andacht und Sammlung sind (zumindest für mich) extrem schwierig, wenn es beispielsweise beim Friedensgruß zu lächerlichen Aufführungen kommt – angestrengte Rumpfbeugen über mehrere Bänke und meistens unverbindlich-allgemeines Herumwinken. Auch der oftmals anzutreffende Applaus für Organisten, Messdiener oder sonstige „Mitwirkende“ widerspricht den Ausführungen Kardinal Sarahs. Flüchtige bis fehlende Ehrfurcht der oft in legerer Freizeitkleidung erscheinenden Laien vor dem Tabernakel und eine lärmige Bushaltestellen-Atmosphäre vor Messbeginn lassen eher auf ein Bühnenprogramm als die Gegenwart des Herrn schließen.

Papst Benedikt XVI. führt in seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ (2. Auflage, 2007) auf Seite 170 dazu aus: „Wo immer Beifall für menschliches Machen in der Liturgie aufbricht, ist dies ein sicheres Zeichen, dass man das Wesen der Liturgie gänzlich verloren und sie durch eine Art religiös gemeinter Unterhaltung ersetzt hat. Solche Attraktivität hält nicht lange; auf dem Markt der Freizeitangebote, der zusehends Formen des Religiösen als Kitzel einbezieht, ist die Konkurrenz nicht zu bestehen.“ So gesehen wird man auf die Realisierung des liturgischen Schweigens wohl in Deutschland noch etwas länger warten müssen.