Zur Debatte um den Leserbrief „Idealistische Höhenflüge“: Das geistliche Leben erneuern: Ärzten geht es doch genauso: Was man nicht bestreiten kann

In dem Leserbrief „Idealistische Höhenflüge“ (DT vom 3. Juni) meint Herr Werner Aepli, die Lehre der Kirche über Ehe, Familie und Sexualität sei wirklichkeitsfremd oder überholt. Allein die Tatsache, dass 90 Prozent des katholischen Publikums sie nicht mehr beachtet, ist allerdings kein Beweis, dass die diesbezüglichen Normen vor Gott nicht mehr gültig wären. Wenn von einer Mehrheit der kirchlichen Lehre keine Relevanz mehr zugebilligt wird, dann liegt das vor allem an einem verkümmerten Glaubensverständnis. Man ist ja so aufgeklärt und weiß es im Zweifelsfall besser.

Dieser Aufgeklärtheit und Selbstständigkeit fehlt es in der Regel aber leider an Lebensweisheit. Die Ergebnisse in unserer Gesellschaft – Dekadenz und Degeneration – sind entsprechend. Man meint, von der Kirche gegängelt zu werden, lässt sich aber von vielerlei anderen Einflüssen zu einem fragwürdigen, meist oberflächlichen Lebensstil verführen und merkt meist zu spät, dass diese Art Freiheit in die Sackgasse führt.

Das Hauptproblem in den westlichen Kirchen sind nicht die hohen Ideale, sondern der weitgehende Verlust einer tiefen Gebets- und Glaubenserfahrung und die vorwiegend kopflastige Theologie und Verkündigung sowie eine defizitäre Glaubensunterweisung und mangelnde Glaubenspraxis. Daraus resultiert eine spirituelle Kraftlosigkeit und nicht zuletzt deshalb halten viele sogar Teile des Glaubensbekenntnisses für unzumutbar oder lehnen die kirchlich verkündeten Normen sogar von vornherein instinktiv ab.

Nicht die Anpassung an die Vorstellungen und Wünsche der Menschen bringt die Lösung der Probleme von Kirche und Gesellschaft, sondern allein ein erneuertes, tiefes spirituelles Leben ist die Grundlage für einen positiven Wandel in allen Bereichen.

Unverständlich ist mir, wenn Herrn Aepli (DT vom 3. Juni) zölibatär lebende Menschen als inkompetent bezeichnet, wenn sie über das christliche Eheleben schreiben. Warum eigentlich? Ein Arzt muss auch nicht alle Krankheiten gehabt haben, um zu wissen, wie er sie behandeln muss. Darum kann ein priesterlicher Seelsorger, auch wenn er unverheiratet ist, Menschen in der Beichte oder in einem seelsorglichen Gespräch sehr wohl erklären, was Gott zur ehelichen Sexualität sagt.

Die Ansicht Herrn Aeplis, dass der Zölibat für die Weltpriester aufgehoben werden solle, damit sie die Eheleute besser verstehen, ist darum absurd. Das kommt auch in der „Tagespost“ vom 6. Juni zum Ausdruck, wo über die neu geregelte Priester-Laisierung geschrieben wird, dass es keinen Grund gibt, vom priesterlichen Zölibat abzurücken, denn „er ist ein Geschenk an die Kirche und drückt den Dienst des Priesters für die Kirche in und mit Christus aus“.

In seiner Zuschrift vom 3. Juni bejaht Herr Werner Aepli künstliche Befruchtung bei kinderlosen Ehepaaren. Wegen des zölibatären Lebens des Papstes hält er diesen für „inkompetent, über das Eheleben zu schreiben“; er spricht von „einigen Alibi-Professoren und – als wissenschaftliches Mäntelchen – dem Vatikan genehmen Ärzten“.

Will er auch noch bestreiten, dass bei einer künstlichen Befruchtung mehr als ein einziger Mensch gezeugt wird, wobei nach entsprechender Selektion die sogenannten „verworfenen“ Embryonen tiefgefroren auf den jüngsten Tag warten dürfen – wenn man sie nicht vorher als Forschungsmaterial „verbraucht“?