Zur Debatte über das Hirntodkriterium und das Thema Organtransplantation: Berichte über Probleme stimmen nachdenklich : Auf wackeligen Füßen : Gut, dass solche Diskussionen Platz finden

In der Diskussion um den Hirntod im Zusammenhang mit der Organspende und dem wirklichen Todeszeitpunkt, sollten noch weitere Kriterien als die bisherigen beleuchtet werden. So erhielt ich nach einem Leserbrief gegen die Organspende einen Anruf von einer Mutter, deren Sohn bei der Bundeswehr durch einen Sturz lebensgefährlich verletzt wurde. Nach einiger Zeit der Behandlung traten die Ärzte mit dem Wunsche um Zustimmung zur Organspende heran, mit der Begründung, dass ihr Sohn austherapiert sei und keine Möglichkeit zur Rettung mehr gesehen werde. Die Frau ließ sich davon nicht beeindrucken und bestand auf einer Weiterbehandlung. Sie erinnerte die Ärzte daran, dass ihrem Sohn beim Eintritt in die Bundeswehr zugesagt wurde, dass im Falle eines Unglückes alles getan würde, was heutzutage therapeutisch möglich sei. Daraufhin brachten die Ärzte noch den Einwand, dass ihr Sohn auf alle Fälle querschnittgelähmt bleiben würde. Die Mutter verwies daraufhin auf die vielen querschnittgelähmten Menschen, die trotzdem ein glückliches Leben führen würden. Die weitere Behandlung rettete den jungen Mann und er lebt seit mehr als zehn Jahren trotz Behinderung eigenständig und in großer Dankbarkeit gegenüber seiner Mutter, die er täglich als seine Lebensretterin besucht. Wie viele Menschen, hinter denen nicht die Hartnäckigkeit eines Angehörigen stand, sind wohl zu Tode gekommen, weil man um einer Organspende willen nicht alle Heilungsmöglichkeiten ausschöpfte?

Diese kämpferische tapfere Mutter berichtete mir noch von einem weiteren Problem bei der Organspende. Von ihren Bekannten verunglückte ein Sohn mit dem Motorrad und die Eltern ließen sich im Schockzustand zu einer Organspende überreden. Sie machten lediglich die Einschränkung, dass die Augen nicht entfernt werden dürften und dass sie ihren Sohn nach der Entnahme der Organe noch einmal sehen möchten. Beides wurde ihnen zugesagt. Nach erfolgter Spende wollten die Eltern ihren Sohn sehen. Dies wurde ihnen jedoch verweigert. Als sie alle Hebel in Bewegung setzten und unerbittlich darauf bestanden, ihren nun toten Sohn sehen zu dürfen, gewährte man ihnen dies. Wie entsetzt waren sie aber, dass man nun trotz ihres Verbotes, die Augen entnommen hatte. Wer sich einer Organspende ausliefert oder ausgeliefert wird, ist anscheinend einer Maschinerie ausgeliefert, bei der es kein Halten gibt. Eine Vielzahl von Berichten im Internet zeigt die große Problematik auf.

In seinem Leserbrief vom 8. November zeigte Dr. med Hans Thomas sehr detailliert die Schwierigkeiten auf, die sich im Zusammenhang mit der hochentwickelten heutigen Medizin bezüglich der Beantwortung der Frage des Todes des Menschen ergeben. Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang Papst Pius XII. gesagt haben soll, „wann der Tod eintrete, müssten uns die Ärzte sagen“. Es bedarf hier aber einer genauen Unterscheidung zwischen den empirisch-medizinischen Indizien und zwischen der philosophisch-theologischen Aussage über den Tod des Menschen. Und wie ich beim Tod meiner Mutter der Krankenschwester mitteilte, meine Mutter sei vermutlich gerade gestorben, weil Atem und Puls als medizinisches Kriterium nicht mehr festzustellen waren, so trifft der Arzt, wenn er behauptet, ein Mensch sei tot, eben auch eine Aussage, die nicht sein Fachgebiet Medizin betrifft. In meinem Leserbrief, auf den Dr. Thomas Bezug nimmt, habe ich den Hirntod als einziges Kriterium für den Tod des Menschen abgelehnt, weil die Seele nicht mit dem Gehirn identisch ist.

Es ehrt Herrn Dr. Thomas, dass er eine lehramtliche Entscheidung gegen das Hirntodkriterium als tatsächlichen Tod des Menschen annehmen würde. Damit bestätigt er, dass die Beurteilung des Hirntodes als Augenblick des Todes keine medizinische, sondern eine weltanschauliche Frage ist. Aber abgesehen davon, warum geben die Ärzte denn keine Auskunft über die seltsamen Vorfälle bei Organtransplantationen? Was ist mit dem unter Ärzten bekannten Schnitt durch die Aorta, bei dem angeblich sehr viel Blut austritt? Was ist mit einem künstlich beatmeten Menschen, der warm ist und Reflexe aufweist? Gibt es denn da keinen Unterschied zu einer Leiche? Sind das nicht medizinische Indizien, die vermutlich sehr schnell zu einer eindeutigen lehramtlichen Entscheidung führen dürften? Dr. Thomas setzt an den Schluss seiner Ausführungen eine Aussage eines deutschen Bischofs, der meinte, „es gälte das menschliche Leben zu schützen von der Empfängnis bis zum letzten Atemzug“. „Und der liegt”, sagt Dr. Thomas, „in der Vergangenheit“. Abgesehen davon, dass ein Bewusstloser wohl genauso wenig mit seiner Umwelt kommuniziert wie ein Hirntoter und dass nicht nur ein frühgeborenes Kind ohne künstliche Atmung oft nicht überlebt, zeigt diese Bemerkung, auf welch wackeligen Füßen die Argumentation für das Hirntodkriterium als Zeitpunkt für den Tod des Menschen steht.

Vielen Dank für den ausführlichen Leserbrief von Dr. Hans Thomas. Dessen Argumentation scheint mir einleuchtend und nachvollziehbar. Das hat mir bei meiner Beurteilung des Themas Organspende sehr geholfen. Gut, dass solche Diskussionen in der „Tagespost“ Platz finden.