Zur Auseinandersetzung um Sterbehilfe und assistierten Suizid : Der Druck wächst: Am Ende kann es jeden treffen

Leserbrief zum Kommentar „Rechtswidrig, aber straffrei“ (DT vom 9. Januar) und der derzeitigen Sterbehilfediskussion: Stefan Rehder sei Dank für seinen Hinweis, dass nicht nur das Töten durch Fremde, sondern auch durch Familienangehörige und Freunde rechtlich sanktioniert gehört (DT vom 9. Januar). Dies findet in der derzeitigen Sterbehilfediskussion kaum noch Erwähnung. Angehörige sind neben Ärzten und Pflegekräften diejenigen, auf die am meisten Druck ausgeübt wird, den Tod kranker Menschen zu beschleunigen. Schon jetzt ist allein diese Diskussion für Familien eine enorme Belastung, vor allem dann, wenn Familienmitglieder unterschiedliche Positionen vertreten.

Wie könnte jemand, der das Töten als unmoralisch ansieht, nicht zutiefst erschüttert sein, wenn nahe Angehörige genau das von ihm fordern? Wie fühlen sich erwachsene Kinder, wenn ihre Eltern verlangen, von ihnen getötet zu werden? Was empfinden alt werdende Eltern, wenn sie wissen, dass ihre Kinder planen, sie zu töten oder ihre Tötung zu veranlassen? Was denken Kinder, wenn sie erleben, dass ihre Eltern den frühzeitigen Tod ihrer Großeltern diskutieren oder in die Wege leiten? Neu sind solche Konflikte leider nicht, denn auch beim Thema Abtreibung sind Familien entlang dieser grundsätzlichen Fragen zutiefst gespalten: Dürfen Familienmitglieder getötet werden? Wer entscheidet, wer wen töten darf? Leider wird über die katastrophalen familiären Folgen nur selten gesprochen.

Wie bei der Abtreibung geht die Tendenz immer mehr dahin, auch das Töten im Rahmen der sogenannten Sterbehilfe zu privatisieren, so als sollten Staat und Gesellschaft kein Interesse daran haben, wenn Bürger andere Bürger töten. Dieser zunehmend durch Gerichtsurteile (zum Beispiel das Sterbehilfe-Urteil des BGH im Jahr 2010) und Gesetze festgeschriebenen Privatisierung bestimmter Formen des Tötens ging ein langer, schleichender Prozess voraus: massive Medienpropaganda für das Töten bestimmter Gruppen kranker und behinderter Menschen; öffentliche Bekenntnisse hoch angesehener Persönlichkeiten, bestimmte Formen des Tötens praktiziert zu haben oder zu unterstützen; inszenierte Tötungen, um Gerichtsurteile zu erzwingen und politischen Druck auszuüben; zunehmende Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung; zunehmendes Töten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Behinderteneinrichtungen, Justizvollzugsanstalten und anderen medizinischen oder sozialen Diensten sowie im häuslichen Umfeld, das, obgleich noch illegal, von den zuständigen Institutionen meist nicht mehr strafverfolgt wird. Seit Jahren ist es in Deutschland überhaupt kein Problem, den Tod kranker und behinderter Menschen frühzeitig herbeizuführen, ohne dafür rechtlich belangt zu werden. Wer sich nicht extrem ungeschickt anstellt, wird in der Regel kaum zur Rechenschaft gezogen. Es herrscht großes Schweigen, Wegsehen, Nichtwahrhabenwollen auf der einen, aktives Vertuschen und Medienpropaganda auf der anderen Seite sowie Inaktivität der Strafverfolgungsbehörden und anderer Kontrollinstanzen.

Der Gedanke, dass das Töten eines Menschen eine private oder familiäre Angelegenheit sein könnte und nicht immer und grundsätzlich von öffentlichem Interesse ist, war vor der Privatisierung der Abtreibung im westlichen Rechtsverständnis undenkbar. Wir ernten nun die Früchte mehrerer Jahrzehnte rechtswidriger, aber straffreier privatisierter Abtreibung, denn es ist nur logisch, auch geborene Familienmitglieder straffrei töten zu dürfen, wenn man ungeborene töten darf. Und wenn privat innerhalb der Familie getötet werden darf, ist es unlogisch, nicht auch – wie bei der Abtreibung – Hilfe von außerhalb der Familie in Anspruch nehmen zu dürfen, wie zum Beispiel Sterbehilfeorganisationen. In ihrer letzten, perversen Logik wird die rechtliche Privatisierung des Tötens dazu führen, dass irgendwann jeder jeden töten darf, wenn er nur die richtigen Argumente vorweisen kann und das Töten in einer Form praktiziert, die gesellschaftlich akzeptabel ist, was in unserer Gesellschaft derzeit besonders solche Formen des Tötens sind, denen eine medizinische Aura anhaftet.