Zum Ökumene-Aufruf von Prominenten aus Politik und Gesellschaft „Ökumene jetzt“: Um die politischen Probleme kümmern: Zuschauen, wie der Stein im Wasser untergeht: Schuster, bleib bei Deinen Leisten : Appelle sind keine Alternative zur Theolog

Die meisten Politiker zeichnen sich dadurch aus, dass sie viel reden, in den meisten Fällen jedoch inhaltlich oberflächlich. Wichtig ist ihnen dabei eine positive Medienwirksamkeit, weil dadurch ihre Popularität und Bekanntheit gefördert wird. Dies scheinen auch Motivationskräfte gewesen zu sein, die unseren Bundestagspräsidenten und seine Mitstreiter bewogen haben, die Kircheneinheit für Deutschland zu fordern. Da die theologischen Kenntnisse über die Unterschiede der einzelnen Konfessionen bei den meisten Vertretern unserer Medien ohnehin nicht sehr stark ausgeprägt sind, kommt man damit natürlich in der veröffentlichten Meinung im allgemeinen sehr gut an.

Die Befürworter dieser Kircheneinheit sollten zunächst mal sagen, wie sie eine solche Einheit erreichen wollen angesichts der vor allem im reformatorischen Bereich vorhandenen Vielzahl von einzelnen Gruppen und Gruppierungen mit vielen unterschiedlichen Auffassungen. Wer ist denn auf evangelischer Seite befugt, für die Vielzahl dieser Gruppierungen zu sprechen – abgesehen von den grundlegenden theologischen Differenzen in sehr wesentlichen Fragen?

Herrn Lammert und seinen politischen Mitstreitern würde ich empfehlen, sich besonders um unsere aktuellen gesellschaftspolitischen Probleme zu kümmern. Hier liegen die primären Aufgaben der Politiker. Unsere Alterspyramide steht seit vielen Jahren auf dem Kopf. Seit mindestens 40 Jahren werden in Deutschland mehr Sterbefälle registriert als Geburten. Dennoch akzeptiert unser Staat jährlich mehr als 100 000 Kindestötungen im Mutterleib. Beschönigend wird dann dieses „Morden“ als Schwangerschaftsunterbrechung bezeichnet. Richtiger wäre: Schwangerschaftsabbruch.

Zu diesem Skandal habe ich von Norbert Lammert und seinen Mitstreitern bisher noch nichts gehört. Hier wäre an sich ein ureigenes Betätigungsfeld für christliche Politiker. Aber das entspricht nicht dem medienwirksamen Zeitgeist.

Wir sprechen heute von einer drohenden Altersarmut in 10, 20 oder 30 Jahren. Die Ursachen dafür liegen hauptsächlich in der Kinderarmut der letzten 30 oder 40 Jahre. Eine Generation, die nicht mehr ausreichend zum Erhalt der Bevölkerung und einer gesunden Altersstruktur beiträgt, darf sich nicht wundern, wenn sie im Alter nicht genügend Unterstützung erhält und über Altersarmut klagt. Es fehlt an dann berufstätigen Menschen, die finanziell für die Alten sorgen können.

Politiker sollten sich in erster Linie um diese eklatanten politischen und gesellschaftlichen Fragen und Probleme kümmern. Herr Lammert, überlassen Sie die Probleme der Kircheneinheit Leuten, die davon mehr verstehen als Sie.

Zum Blickpunkt „Eitler Kanzeltausch“ (DT vom 8. September): Bedenke ich die theologischen Voraussetzungen, einerseits Dominanz von Lehramt und Tradition in der katholischen Kirche, andererseits die Situation in den evangelischen Kirchenführungen, wo Mehrheitsentscheidungen und Rücksicht auf gesellschaftliche Entwicklungen die Auslegung von Evangelium und Geboten der Heiligen Schrift bestimmen, sehe ich den „Ökumeneanstoß“ von Lammert bis Maier, die einen „Stein ins Wasser werfen wollen“, um eine kleine Nuance anders: es ist, als wirft man einen Stein ins Wasser und sieht zu, wie er untergeht.

Zu „Politiker fordern Kircheneinheit“ (DT vom 6. September): Sicherlich ist der Wunsch nach konfessioneller Einheit zu begrüßen. Aber ein so sensibles Thema, welches in die tiefsten menschlichen Überzeugungen und Gefühle eindringt, ist weder mit demokratischen noch mit den Mitteln des Zeitgeistes zu lösen. Ausschließlich das kirchliche Lehramt ist hier zuständig, die Herren hätten sich dort erkundigen können, wie schwierig es in diesem Bemühen schnell wird. Unsere Politiker wollen uns alles verordnen und vorschreiben und machen nun auch vor unseren Glaubensinhalten keinen Halt mehr. Herr Lammert wird langsam vermessen, hat er uns doch schon 2010 das Vaterunser übersetzt, auf dass wir kleinen Leute es endlich verstehen. Auch jetzt wagt er sich wieder auf ein Feld, das für ihn ein paar Nummern zu groß ist. Angesichts der zahllosen ungelösten politischen Probleme rate ich unseren Politikern dringend: Schuster, bleib bei Deinem Leisten!

Zum Aufruf „Ökumene jetzt“ von Prominenten aus Politik und Gesellschaft und zum Leserbrief von P. Dr. Jörg Müller SAC „Das brüskiert engagierte Christen“ (DT vom 11. September): Was sind denn das für engagierte Christen, die eine notwendige kritische Antwort, auf die aktuelle Initiative prominenter Katholiken und Protestanten als Brüskierung empfinden und die sie zur Resignation verführt?

Was ist an den gemachten Feststellungen von Markus Reder denn falsch (Kommentar, DT vom 6. September)? Dieser Appell hilft den offiziellen Bemühungen um die Einheit nicht, er beschädigt sie vielmehr! Die Initiative strotze vor politischer Selbstgerechtigkeit und nehme den ökumenischen Dialog nicht ernst, ignoriere die Theologie und gehe von einem nichtkatholischem Kirchenbild aus! Der Aufruf „Ökumene jetzt“ sei ein erneutes Indiz für die zunehmende Politisierung des Kirchenbetriebs. Prominenz, Mehrheit, Lautstärke und geschickte mediale Inszenierung gewinnen die Oberhand über theologische Redlichkeit, spirituelle Tiefe und intellektuelle Aufrichtigkeit! Das sehe ich alles ganz genauso wie Herr Reder. Was spricht denn gegen eine solche subjektive Kritik und könnte vom Stil her überhaupt angreifbar sein? Jede Einschätzung und Beurteilung von Personen kann immer nur subjektiv sein. Es ist das absolute Recht jedes Menschen, seine Meinung offen zum Ausdruck zu bringen. Das nehme ich für mich in Anspruch.

Natürlich respektiere ich auch die Meinung des Pater Müller, doch verstehen kann ich sie keineswegs. Er unterschätzt ganz offensichtlich das wirkliche Interessenskonglomerat der Unterzeichner von „Ökumene jetzt“. Herr Reder weist zu Recht auf die politischen Entscheidungen einiger der Initiatoren hin, etwa in entscheidenden Fragen des Lebensrechts, wo sie den christlichen Konsens in der politischen Praxis längst aufgekündigt haben. Herr Reder hat völlig recht, dass die Einheit der Kirchen nicht verhandelbar ist wie ein politischer Kompromiss. Wahrheitsfragen lassen sich wirklich nicht über Mehrheitsbeschlüsse lösen. Ich selbst sehe keine Alternative zu einer sehr verantwortungsbewussten und theologisch wahrheitsrelevanten Ökumene, die aber auch die Orthodoxie, den Anglikanismus und andere christliche Kirchen mit einbezieht. Pater Müller sollte sich auch einmal die verschiedenen Reaktionen auf die Politikerforderung nach Kircheneinheit ansehen und bedenken. Als Beispiel möchte ich hier die Meinung von Michael Diener (evangelische Allianz) erwähnen.

Er kritisiert, dass der Aufruf die Unterschiede in der Amtsfrage, im Kirchenverständnis und der Sakramentenlehre keine Rechtfertigung für die Trennung sei und deshalb die institutionelle Einheit fordere. Damit verkenne der Aufruf die tiefe Diskrepanz in den angesprochenen Themenfeldern. Es wäre jetzt nicht die Zeit für eine institutionelle Einheit von evangelischer und katholischer Kirche. Das ist meines Erachtens eine realistischere Darstellung der Situation im Gegensatz zu den Politikern. Es wird noch ein hartes theologisches Ringen stattfinden auf dem Weg zur Einheit, aber der Weg wird sich lohnen. Er erfordert noch sehr viel Geduld, von allen an dem Prozess Beteiligten und allen auf die Einheit Hoffenden. Ohne das kontinuierliche Gebet wird es nicht gehen. Doch Christus ist ein starker Verbündeter, derjenigen Christen, die mit Augenmaß und Energie nach vorne schauen und um die Einheit kämpfen, weil sie uns von Ihm zur Aufgabe gemacht ist. Im Blick und im Vertrauen auf Ihn werden wir es eines Tages schaffen. Es setzt aber Klugheit, Vernunft, Wahrheit, Glauben, Hoffnung Liebe, Geduld und Gebet voraus. Ich bitte auch die Verfasser des Aufrufs, sich nicht zu überheben und Vertrauen in die jeweiligen Kirchenleitungen zu investieren. Das ist für den Erfolg unabdingbar.