Zum Kommentar auf der Titelseite der „Tagespost“: „Wie die Pflege besser pflegen?“: Politik muss in gelebte Humanität investieren

„Wie die Pflege besser pflegen?“ (DT vom 24. Juli ): Diese berechtigte Frage erscheint mir unlösbar, solange praktisch alle politischen Empfehlungen oder Maßnahmen nur die äußeren Symptome (Kostensteigerung, Personalmangel und -Überforderung, mehr Kontrolldruck wegen Pflegefehlern und so weiter) fokussieren und die eigentlichen Ursachen mit ihren verheerenden Folgen (Geringschätzung der Pflegeberufe, materielle und ideelle Schwächung der Familie, zu wenig Förderung professionell geschulter Familienpflege) gesellschaftspolitisch vernachlässigt werden.

Zunehmend wirken sich nun schwerwiegende ideologisch-politische Fehlentscheidungen (gesetzliche Liberalisierung der Abtreibung) und ihre Konsequenzen (Verschmächtigung bzw. demographische „Entjüngung“ der früher breitbasigen Bevölkerungspyramide) negativ aus. Es ist ein relativistisches Denken und Handeln kollektiv entstanden, das generell mehr auf individuelle materielle Vorteile und „Leistung“ als auf zwischenmenschliche Qualitäten (zum Beispiel Hilfsbereitschaft) setzt.

Auch die letzteren Fähigkeiten werden nach wie vor – darin stimmen fundierte kinderpsychologische Studien seit langem überein – am besten und stabilsten von Mutter und Vater in einer intakten Familie frühkindlich gelernt. Dieses Lernen am elterlichen Vorbild kann in der emotional höchst aufnahmefähigen frühen Kindheitsphase (3 Jahre) auch in gut geführten Kinderkrippen von den dort wechselnden „Teilzeit–Ersatzeltern“ nicht in gleicher Weise eingeprägt werden. Leider wird dieses psycho-neurobiologische Wissen aus tagespolitischem Kalkül (Arbeitsmarkt) meist ignoriert.

Mütter, die nach ihrer kurzen „Kinderpflege-Zeit“ zur raschen Rückkehr in ihren Brotberuf halb genötigt, halb verlockt werden, sind später verständlicherweise oft wenig motiviert, ihre elementaren mütterlichen Fähigkeiten wieder – jetzt zur Pflege für die Elterngeneration – einzusetzen. Kein Wunder, da dies keinem lukrativem Job mit attraktiven Vergünstigungen entspricht, sondern eher einer „unmodernen“ Geisteshaltung gleichgesetzt wird.

Ohne staatliche Hilfe – hier ist vorausschauende(!) Politik gefragt – werden sich die rühmlichen Ausnahmen, die es glücklicherweise noch gibt, kaum vervielfachen lassen. In den politischen Parteien muss das aber auch gewollt werden, statt sich reflexartig nur mit kurzlebigen Gegenmaßnahmen zu behelfen.

Zukunftsbezogen zusammengefasst: Es ist zweifellos sinnvoll, langfristig hilfreich und wahrscheinlich auch erheblich kostensparend, wenn von staatlicher Seite eine bereitwillige Förderung professionell erlernter Altenpflege (natürlich als offiziell anerkannter Beruf) unverzüglich begonnen und konsequent fortgeführt wird. Dies empfiehlt sich auch aus ärztlicher Sicht, da besonders die Hausärzte bei ihrer Tätigkeit vor Ort nicht nur auf willige, sondern auf gute und ausgiebig geschulte Pflegepersonen (möglichst aus der Familie) angewiesen sind. Hier tut sich ein weites Feld wichtiger neuberuflicher Weiterbildung für Menschen auf, die ihren Angehörigen, gegebenenfalls auch Nachbarn und anderen Bezugspersonen, einen guten Hilfsdienst erweisen. Zugleich kann so auch der jüngeren, dem Altern entgegengehenden Gesellschaft ein soziales und humanitäres Vorbild wirklicher „Gerechtigkeit“ praktisch demonstriert werden, das auch familienpolitische Maßstäbe setzt.

Selbstverständlich gehört dazu als berufs- und sozialpolitische Bedingung, soll ein solcher Umschwung Zustimmung finden, die klare Bereitschaft zu angemessener Entlohnung mit staatlich zugesichertem Rentenanspruch. Uneingeschränkte Anerkennung solcher Familienarbeit kann auch das gesellschaftliche Vertrauen in verantwortungsbewusste Sozial- und Familienpolitik stärken und erneuern. Nicht populistische Parteiparolen, sondern vorausschauendes politisches Handeln sind in dieser, nicht nur materielle Wertfundamente erschütternden Krisenzeit notwendig. In diesem Sinn steht auch uns Alten das Recht, ja die Pflicht zu, unsere Stimme zugunsten der nachfolgenden Generationen zu erheben.