Zum Herrn hin!

Treibhäuser der Ewigkeit
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Der Himmel öffnet sich nach oben und der Stuck – Gleichnis der Schöpfung – rankt sich gen Erlösung umschlingend die Geheimnisse des Heiles im Bilde. Die Heiligen der Altäre zwinkern sich freudig, dennoch erhaben, ihrer sicheren Erlösung gewiss, zu. „Kommt“, scheinen sie zu sagen, „kommt, und habt teil an der Freude unseres Herrn, freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“ Der mächtige Hochaltar schirmt das Kirchenrund, vereinigt die Gebete und Gaben des Volkes und hebt alles zur aufgehenden Sonne hin – durch Christus, mit Christus, in Christus. All dies geschieht unter dem strengen und doch mildväterlichen Blicke Gottvaters im Auszug. Von oben herab scheint er seinen heiligen und mystischen Leib wohlwollend beim Opfervollzug zu beobachten, die Glieder, die sich zum gekreuzigten Haupte in der Glorie ausstrecken: Schönheit, Erlösung, Freude, Ewigkeit!

Der Blick gleitet hinab in das untere Kirchenrund. Die lichte, helle Höhe wird schlagartig schwer, und wie mit einem Hammer ist der Geist zu Boden gedrückt! Die Himmelsleiter des Jakob ist dahin, die alten Stufen mussten weichen. Die Erdenmühe ist auf Augenhöhe der bemühten Menschen. Zerschlagen sind die Altäre der Freude, bloße Stelen der Erinnerung an eine vergangene Herrlichkeit! Das Himmlische ist beschwert, die Transzendenz geerdet. Einem schweren Mühlstein gleich trübt der „Altar des Volkes“ die Erlösungsfreude. Erdenmühe kehrt wieder ein, die Last des Tages ist zurück. Ist es der Mühlstein, den Christus denen androht, die die Kleinen beschweren (Lk 17,2)? An diesem Mühlstein steht nun der Priester im härenen Gewande Johannes des Täufers. Das goldbestickte Kleid der Gnade Christi – Außenseite des Himmels – wird mit dem rauen Büßertuch des Rufers in der Wüste vertauscht. Ist das „Gerade“ nun wieder „krumm“, sind die „aufgefüllten Täler“ wieder abgetragen? Steht der „Cherub“ wieder „dafür“? Die Pforten Edens grüßen von ferne wie eine altvertraute, aber vergangene Verheißung. „Wie könnte ich dich je vergessen, Jerusalem?“

Dieser Raum scheint nur noch von seiner Vergangenheit zu leben. Langsam, wie ein verglimmender Docht, verzehrt sich der Rest eines ehrwürdigen Schauers an diesem Ort. Der Schauer des Gebetes, der Gottespräsenz und der Geborgenheit. Der Schauer wird weniger, weil der Himmel weggeschoben wurde. Die Gebete verblassen, der gläubige Atem schwindet. Was bleibt außer altem Gerippe einer früheren Freude? Staffage, Totenhaus, Museum? Der Prophet Jeremia bekommt hier eine neue Dimension: Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum Herrn, deinem Gott!

Der Autor, 28, verheiratet, ist Lehrer für Latein und Religion in Augsburg