Zum Dialogprozess innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland: Wer spricht mit und worum geht es eigentlich?: Christus ist die Wahrheit, nicht der Konsens

Vom 8.–9. Juli hat in Mannheim der Gesprächsprozess „Im Heute glauben“ begonnen, initiiert von der Deutschen Bischofskonferenz. Diese hat 300 Teilnehmer aus den Bistümern, dem Zentralkomitee deutscher Katholiken und den Hochschulen, Ordensleute, Vertreter auch aus namentlich nicht genannten geistlichen Gemeinschaften zu einem Dialog eingeladen, der sich über fünf Jahre erstrecken soll. In einer Zeit gegensätzlicher Positionen, entgegengesetzter Petitionen zwischen den einzelnen Gruppierungen oder „Lagern“, gepaart mit gegenseitigen Vorurteilen, mit viel Besserwisserei, mit individueller Selbstgerechtigkeit oder kollektiver Selbstüberheblichkeit und sogar mit offenen Feindseligkeiten, erscheint eine solche Ökumene innerhalb der katholischen Kirche ein Gebot der Stunde und der Versuch, die von Johannes Paul II. angemahnte Zivilisation der Liebe wieder mit Leben zu erfüllen. Selig die Friedensstifter und Brückenbauer!

Bischof Zollitsch hat die Teilnehmer zu einem Austausch aufgefordert, aufeinander zu hören und genau hinzuhören. Dabei aber muss von vornherein klar sein, worauf sich überhaupt der erstrebte Konsens in diesem Dialog beziehen soll. Gibt es überhaupt eine grundsätzliche Übereinstimmung bei den Dialogpartnern hinsichtlich der Existenz wesentlicher, unveränderbarer und unumstößlicher Wahrheiten in der katholischen Kirche oder gibt es vielmehr die Auffassung, dass das, was sich aus dem Dialog als Konsens ergibt, die „Wahrheit“ selber schon sein soll, wie es die Konsensphilosophie suggeriert. Mehr an Wahrheit sei nicht zu haben, damit müsse sich der Mensch begnügen, so dem Sinn nach J. Habermas, ihr Begründer, der sich selbst als religiös unmusikalisch bezeichnete.

Wenn sich aber Wahrheit bestenfalls in dem erreichten Konsens eines Dialogs erschöpfte, so wäre es das Ende jeglicher Suche nach einer letzten Wahrheit, tieferen Weisheit, Letztbegründung; damit auch das Ende der Philosophie und der Theologie, in der die Wahrheit letzten Endes von Gott geoffenbart, geschenkt wird. Die Konsequenz einer solchen Auffassung wäre eine x-beliebige Anzahl von Wahrheiten, die abhängig wären von der jeweiligen Gesprächssituation. Auch wäre eine solche sich erst im und durch den Dialog konstituierende, gefundene oder erfundene Wahrheit recht abstrakt und apersonal, weil an keine bestimmte Person gebunden, daher auch nicht verbindlich.

Würde man eine solche Konsensphilosophie in der Kirche absolut nehmen, müsste sich die Kirche konsequenterweise auflösen, weil sie sich selber mit dem Anspruch auf eine einzige Wahrheit in der Person Jesu Christi aufgäbe. „Ich bin die Wahrheit”, lautet die Selbstaussage Jesu, weshalb ihm der Prozess gemacht wurde und heute wieder gemacht wird, und nicht, „Ich habe die Wahrheit, wie andere ihre je eigene Wahrheit haben.“

In den geplanten Jahresthemen zwischen 2012–2015 Diakonia (soziale Verantwortung) – Liturgia (Verehrung Gottes) – Martyria (Glauben bezeugen) greifen die deutschen Bischöfe auf traditionell wesentliche Dimensionen eines christlichen Lebens zurück. Vorausgesetzt wird dabei, dass alle drei Merkmale eine Einheit bilden müssen: Gute Werke ohne Gottesdienst und Gebetsleben wären zwar weiterhin gut, aber christlich leer ohne Gottesbezug; und Frömmigkeit ohne Bezug auf den Nächsten nicht lebendig, tot. Und zur Martyria gehört nicht nur das offene, ehrliche Stehen für seinen Glauben und für seine Konfession, sondern auch die Glaubwürdigkeit durch den Lebenswandel. Es ist gut, dass sich die Bischofskonferenz dagegen nicht auf politische Kriterien eingelassen hat wie konservativ-progressiv, linkskatholisch oder rechts, und so weiter, was mir als wegweisend für das kirchliche Leben vor Ort erscheint.

Mir ist nicht ganz klar geworden, nach welchen Kriterien die Teilnehmer ausgewählt wurden: wie es heißt, nach Herkunft des Bistums, der kirchlich-caritativen und universitären Institutionen, nach anonymen geistlichen Gemeinschaften; aber wonach sonst noch? Aus der formal und bürokratisch anmutenden Liste lässt sich kein geistlicher Schwerpunkt erkennen. Andererseits möchte man die katholische Kirche in diesem Gremium gut repräsentiert wissen. Wo sind beispielsweise die Vertreter von Emmanuel, von Sant'Egidio, des Malteser Gebetskreises St. Johannes der Täufer, der Lebensschutzgemeinschaften, der katholischen TV-Sender K-TV und ETWN, der Generation Benedikt, des Opus Dei, der marginalisierten Priesterbruderschaften, der Legionäre Christi? Wenn diese nicht oder nur ganz marginal vertreten wären, so wäre das die Unterdrückung einer oder der schweigenden Mehrheit kirchentreuer Katholiken. Dann wären die vornehmlich oder ausschließlich an kirchenpolitischen Veränderungen Interessierten unter sich und könnten aufeinander zu- und hinhören, soviel sie wollten. Dazu bedürfte es aber dieses Gesprächsprozesses erst gar nicht. Denn die Hauptspannungen heute bestehen meines Erachtens zwischen den orthodoxen Katholiken und den kirchenpolitischen Vertretern eines politischen Konsenses („Konsenssuche anstatt Wahrheitssuche“). Diese Auseinandersetzung müsste unbedingt geführt und nicht gemieden werden.

Aus dem bedingungslosem Streben nach Konsens – psychologisch gesehen stellt es das Streben nach Harmonie beziehungsweise nach Konfliktvermeidung dar –, erwächst jene Haltung der politischen Korrektheit, die den Angepassten letzten Endes mit Unbehagen erfüllt, da er immer einen Teil seiner selbst aufgibt. Dagegen könnte man Jesus Christus als Inbegriff der politischen Inkorrektheit in Person betrachten, da er die Heilsuniversalität auf sich genommen, auf seine Person bezogen und mit dem Leben bezahlt hat. Das ist wohl das, was der politisch stets Korrekte fürchtet: dafür umgebracht zu werden.

Der deutsche Episkopat hat in seiner Geschichte einige Male Flagge gezeigt und sich gegen den Zeitgeist gestellt wie zum Beispiel, als er sich geschlossen gegen die Präimplantationsdiagnostik (PID) aussprach. Man wünschte sich häufiger dieses geschlossene Auftreten in der Öffentlichkeit.

Drei Beispiele: 1. Heiner Geißler attackiert öffentlich den Papst wegen der Seligsprechung seines Vorgängers, so als ob dieser sich über die Regeln des streng juristischen Verfahrens hinwegsetzend willkürlich entschieden hätte. Dass dies nicht der Fall war, wusste der promovierte Volljurist Geißler auch. Ihm ging es vielmehr darum, Kirchenpolitik zu machen. Die Entgegnung erfolgte durch einen oder durch zwei Bischöfe und nicht durch die Bischofskonferenz oder ihren Vorsitzenden. 2. Als Hans Küng den Papst zum Rücktritt auffordert, wohl wissend, dass der Papst immer ad vitam gewählt wird, bleibt ein promptes, entschiedenes und öffentliches Entgegentreten seitens der Bischöfe auch aus. 3. Ähnlich beim Bundestagsvize Thierse, Mitglied des ZdK, der abfällig von der katholischen Kirche als einer Klerikerkirche spricht.

Wie reagiert dagegen der politisch unkorrekte Paulus? „Rügt, mahnet, weiset zurecht!“, und „schmeichelt nicht den Ohren!“. Und Bischof Augustinus von Hippo? Für heutige Ohren bestimmt unkorrekt definiert er Nächstenliebe in einer Predigt auf folgende Weise: „Unruhestifter zurechtweisen, Gegner widerlegen, Ungebildete lehren, Träge wachrütteln, Händelsucher zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz anweisen.“ In diesem Verhaltenscodex, der uns auch als die geistigen Werke der Barmherzigkeit weniger bekannt ist als die leiblichen, drückt sich eine um das Heil des Menschen unermüdlich sorgende Liebe aus, von jemandem, der ein Wissen darum hat, wer die Wahrheit ist. Ohne diesen Bezugspunkt, ohne diese Bezugsperson Jesus Christus, wäre er dazu nicht autorisiert. Und aufgrund einer Dialogs in Augenhöhe wäre es unmöglich, klar zu sagen, was die Kirche für wahr hält. Ich wünsche den deutschen Bischöfen, diesen Gottesmännern, dass sie ihr Leitungsamt wieder selbstbewusster und entschiedener wahrnehmen.