Zum Beitrag über das neue Gebets- und Gesangbuch: Gewisse Gestaltungsfreiheit

Zu: „Die Crux inkonsequenter Übersetzungen. Überlegungen zur Probepublikation des Gemeinsamen Gebet- und Gesangbuchs für den deutschsprachigen Raum“ von Anton Ziegenaus (DT vom 7. Juni):

Der Beitrag von Anton Ziegenaus kritisiert, dass im geplanten „Gemeinsamen Gebet- und Gesangbuch“ (GGB) zwischen den dort abgedruckten lateinischen und deutschen Messtexten zum Teil erhebliche Unterschiede bestehen. Hierzu möchte ich auf das hinweisen, was im Vorwort des „Großen Sonntags-Schott“ (meine Ausgabe stammt aus 1975) hierzu ausgesagt ist. Dort liest man nämlich: „Die Landessprache (ist) als offizielle liturgische Sprache anerkannt worden. Die deutschen liturgischen Texte sind jetzt nicht mehr nur Übersetzungen, .... vielmehr gilt der im deutschen Messbuch gedruckte Text als kirchenamtlicher Text, der dem lateinischen Text auch in seiner sprachlichen Gestalt mit einer gewissen Selbstständigkeit gegenübersteht“.

Ob diese „Selbstständigkeit“ von den Urhebern der nachkonziliaren Reform beabsichtigt war oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis; die Frage ist aber, ob die Einführung der Volkssprache in die Liturgie nicht zwangsläufig in diese Richtung führen musste: schließlich sollen die Gebete, die im Rahmen einer liturgischen Feier an Gott gerichtet werden, „authentische“ Gebete sein, und nicht Übersetzungen von Gebeten, die anderswo stattfinden. Und es scheint zumindest naheliegend, den nationalen Bischofskonferenzen eher als einem römischen Dikasterium zuzutrauen, die sprachliche Qualität eines landessprachlichen Textes beurteilen zu können.

Mit der Zulassung des Gebrauchs der Volkssprache war daher notwendigerweise auch die Übertragung einer gewissen Gestaltungsfreiheit an die nationalen Bischofskonferenzen verbunden; zumindest aber scheint dies so aufgefasst worden zu sein. So darf es niemanden verwundern, dass die Liturgiereform in vielen Ländern als Gelegenheit zur Schaffung neuer liturgischer Texte aufgefasst wurde, die sich (wenn überhaupt) nur noch ungefähr an das lateinische Vorbild zu halten brauchten. Dass hierbei zum Teil auch ganz andere theologische Akzente gesetzt wurden, darf ebenfalls nicht überraschen. Die vermeintlichen „Übersetzungsfehler“ (das vieldiskutierte „pro multis/für alle“ ist nur ein Beispiel) sind keine, sondern es handelt sich um Absicht. Dementsprechend ist die Frage nicht, ob die Übersetzer schlecht gearbeitet haben, sondern ob bei der Gestaltung liturgischer Texte tatsächlich ein solcher Gestaltungsspielraum besteht, wie er aus dem Vorwort zum Schott hervorzugehen scheint.

Schade ist, dass zumindest in deutschen Landen dieser Spielraum keineswegs dazu verwendet wurde, im landessprachlichen Text das eucharistische Geheimnis tiefer und besser zum Ausdruck zu bringen, als es im lateinischen Text der Fall ist; im Gegenteil scheint man versucht zu haben, das Geheimnis des Glaubens so weitgehend als möglich zu „entmystifizieren“.

Diese Tendenz kann man bedauern, darf sie allerdings wohl auch dem Geist der Zeit zuschreiben, da sie nicht nur den deutschen, sondern auch den lateinischen Texten des neuen Ritus innewohnt; um eine zwangsläufige Folge des Gebrauchs der Landessprache muss es sich dabei also nicht unbedingt handeln. Andererseits ist aber klar, dass der Gebrauch der Volkssprache langfristig die weltweite Einheitlichkeit und Identität der Liturgie in Gefahr bringt.

Soll diese Einheitlichkeit gewahrt oder wiederhergestellt werden, so wird es wohl zumindest erforderlich sein, den lateinischen Text als „editio typica“ aufzufassen und landessprachliche Übersetzungen genauestens zu kontrollieren.