Zum Beitrag „Zwischen Feudalherrschaft und Anarchie“: Rom, die Kurie und die Intrigen

In seinem Artikel „Zwischen Feudalherrschaft und Anarchie“ in der Ausgabe vom 28. März möchte Guido Horst noch einmal begründen, warum das Dekret mit der Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe ohne begleitende erklärende Note, die dann erst im medialen Sturm nachgeliefert wurde, veröffentlicht wurde. Er bedient sich dazu eines Instruments, bei dem man vieles falsch machen kann: Er zitiert andere, nämlich „Vaticanisti“, Vatikan-Korrespondenten italienischer Zeitungen. Es ist ein altes Spiel, vielleicht auch eine systembedingte katholische Lösung, zwischen dem guten, unbescholtenen Papst einerseits und der bösen und intriganten Kurie andererseits zu unterscheiden. Die Geburtsstunde dieser Art des katholischen Journalismus war die Ankündigung des II. Vatikanums durch Johannes XXIII. und das Auftauchen retardierender innerkirchlicher Elemente, naturgemäß auch an der Kurie.

Die Spitzen des Staatssekretariats, der Kardinal und seine beiden Erzbischöfe, der Substitut und der Sekretär, haben jederzeit Zugang zum Heiligen Vater; die Termine für die Leiter der anderen Dikasterien werden in den Tabellenaudienzen bekannt gegeben. Nach menschlichem Ermessen hätte auch der Papst gemerkt, wenn es Diskrepanzen zwischen Kardinal Bertone und Substitut Filoni gäbe. Benedikt und Bertone haben übrigens Filoni 2007 selbst verpflichtet. Wo Macht verwaltet und Karriere gemacht wird, gibt es Opportunisten und Intriganten, ob im Kanzleramt, im Großkonzern oder an der Römischen Kurie. In gläubigem Optimismus könnte man hoffen: dort zwei Prozent weniger. Wie auch immer. Jedenfalls sind die Kurialen in der großen Mehrheit kaum so stupide, Kardinal Bertone nach sieben Jahren an der Kurie – 1995 bis 2002 als Sekretär, also Stellvertreter, Ratzingers – für einen Outsider zu halten, dafür ist das System zu durchlässig, kommen Kuriale in die italienische Kirche und wieder zurück.

Leider enthält der Artikel auch sachliche Fehler. So gab es bis zur Kurienreform Pauls VI. keinen Präfekten für das Heilige Offizium, sondern dieses war dem Papst direkt unterstellt. Der ansonsten „zweite Mann“ des Amtes, der Sekretär, war aber Kardinal (zuletzt Ottaviani). Zwar war in der Hierarchie das Staatssekretariat im Organigramm unter den Kongregationen aufgestellt, faktisch war es aber auch damals schon die Clearing-Stelle der Kurie, das „Schmiermittel“ zwischen den kurialen Institutionen; Der Kardinalnepot, später der Kardinalstaatssekretär war der Einflussreichste nach dem Papst. Jeder Historiker, der sich mit der Zeit seit Sixtus V. beschäftigt, kann das bestätigen.

Abenteuerlich ist die Einordnung von Giovanni Battista Re: Er wurde schon von Johannes Paul an die Spitze der Bischofskongregation (nicht Konferenz wie es im Artikel heißt) berufen, am 16. September 2000 in der Nachfolge des herzkranken Brasilianers Neves. Wenn man sich die Ernennungen, für die Re Verantwortung trägt, die also wirklich „durch seine Hände gegangen“ sind, über die Jahre hinweg betrachtet, wird man feststellen, dass anders als unter dem langjährigen Präfekten Gantin (Haas, Groer, Krenn) keine Exzentriker mehr ernannt wurden. Insgesamt zeichnet sich die Personalpolitik Papst Benedikts dadurch aus, dass kuriale und bischöfliche Stellen mit in der Sache eindeutigen, aber persönlich unprätentiösen Geistlichen besetzt werden. Das ist doch auch schon ein Fortschritt.