Zu der Debatte über Jugendgewalt, ihre Ursachen und Hintergründe und den Wahlkampf in Hessen: Das Beste, was bisher zu lesen war: Viel grundsätzlicher diskutieren

Die Aussagen von Herrn Weihbischof Josef Voß, dem Migrationsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, im Interview mit der DT vom 12. Januar sind bei weitem das Beste, was ich bisher in der deutschen Presse zum Thema Kriminalität junger Migranten gelesen habe. Hier kommt endlich ein Fachmann zu Wort, der aus langjähriger Erfahrung und frei von parteipolitischen Hintergedanken und bloß juristischen Erwägungen dieses durchaus vorhandene Problem unserer Gesellschaft und unseres Staates ebenso sachlich wie menschlich anspricht.

Bedenken sind allerdings anzumelden, wenn in dem Interview Bundesinnenminister Schäuble mit dem Satz zitiert wird: „Wir haben zehn Jahre notwendige Integration verschlafen.“ Als jemand, der fünf Jahrzehnte lang die Eingliederungshilfen freier Träger für junge Migranten – Vertriebene und Flüchtlinge, Aussiedler und Ausländer – auf Landes- und Bundesebene begleitet und vertreten hat, muss ich der Wahrheit halber feststellen: In Deutschland ist keineswegs eine jetzt erst als notwendig erkannte Integrationshilfe verschlafen worden, sondern hier haben insbesondere die auf Bundesebene Verantwortlichen in einem Prozess über anderthalb Jahrzehnte hin ein in früheren Jahrzehnten entwickeltes hocheffizientes System von Integrationshilfen für junge Migranten rein aus finanzpolitischen Erwägungen Jahr für Jahr abgebaut und fast auf Null heruntergefahren, und keine der in der Regierungsverantwortung stehenden Parteien, ob CDU/CSU, SPD, FDP oder Grüne, hat sich dagegen zur Wehr gesetzt, ganz im Gegenteil.

Wo etwa ist der in der so gern geschmähten Frühzeit der Bundesrepublik von jungen Abgeordneten aller demokratischen Parteien durchgesetzte „Garantiefonds“ geblieben, der hunderttausenden junger Migranten Mittel und Möglichkeiten der sprachlichen, schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration erschlossen hat? Über Jahre gekürzt und schließlich ganz abgeschafft! Wo ist die große Zahl der Förderschulen und Förderschulheime geblieben, in denen jungen Migranten – außerhalb der für eine solche Integration oft kontraproduktiven Migrantenfamilie – deutsche Sprache und deutsche Schulabschlüsse, aber auch Zugänge zu den Ordnungen des Zusammenlebens, zu Recht und Gerechtigkeit vermittelt wurden? Trotz der meist reibungslosen beruflichen und sozial-kulturellen Integration der geförderten Jugendlichen so gut wie auf Null heruntergefahren, obwohl die eine oder andere Einrichtung dieser Art, die überlebt hat, noch heute die Effektivität dieser Maßnahmen erweist. Wo ist das dicht geknüpfte Netz der Jugendgemeinschaftswerke geblieben, durch das junge Migranten während ihrer Integration begleitet, angeleitet und gefördert sowie in Krisenfällen aufgefangen wurden? Auf eine unzureichende Zahl von Migrationsdiensten unter zudem einengenden und unsicheren Arbeitsbedingungen reduziert!

Nein, die Verantwortlichen insbesondere auf Bundesebene haben keineswegs geschlafen, damit kann man ihr Handeln nicht entschuldigen. Sie haben vielmehr auf Kosten der Integration junger Migranten gespart, und sie haben es getan, weil sie in Zeiten finanzieller Engpässe bei den Schwächsten gespart haben, bei denen, die nicht in der Lage waren, ihren Widerspruch zu artikulieren und ihren Widerstand zu formieren. Und sie haben es trotz aller Hinweise und Warnungen seitens der Jugendsozialarbeit und seitens der Wohlfahrtsverbände getan. Getrieben von Finanzpolitikern, unterstützt von Rechnungshöfen und dienstbeflissenen Beamten und scheinbar gerechtfertigt durch zu jedem Dienst bereite Wissenschaftler, haben sie die Integration junger Migranten totgespart.

Und nun? Wäre es in diesem Staat möglich, so sollte man die für den Abbau der Integrationshilfen Verantwortlichen einmal dorthin schicken, wo inzwischen allzu viele der durch mangelnde Förderung straffällig gewordenen jungen Menschen ihr Fehlverhalten, aber auch das der politisch Verantwortlichen, büßen müssen. Aber die Ehrlichkeit und den Mut sollten die beteiligten Verantwortlichen in Parteien, Regierung, Verwaltung und sonstwo schon haben, ihr Fehlverhalten einzugestehen und nicht mit dem Schlaf des Gerechten zu entschuldigen. Vor allem aber: Das, was sie an jungen Menschen verschuldet haben, sollten sie, soweit das möglich ist, wieder gutmachen: An denen, die Schaden genommen haben und einen neuen Anfang benötigen, und an denen, die auch heute unter uns auf fundierte Integrationshilfen warten müssen.

Das Problem der Jugendgewalt ist nicht vom Himmel gefallen und in den Fachkreisen schon lange ein intensiv und kontrovers diskutiertes Thema. Umso trauriger, dass die gegenwärtige öffentliche Debatte hauptsächlich mit politischen Parolen und Halbwissen an den Professionellen (Pädagogen, Sozialpädagogen, Psychologen, etc.), die konkret mit den betroffenen Jugendlichen arbeiten, vorbei geführt wird. Sollte die Frage, warum Kinder und Jugendliche durch Gewalt und Delinquenz auffällig werden, nicht eigentlich im Fokus der Auseinandersetzung stehen, anstatt über extreme und ethisch fragwürdige Sanktionsmaßnahmen zur Symptombekämpfung zu streiten?

Boot-, Box- und Erziehungscamps, wer weiß eigentlich noch, um was es sich dabei im Einzelnen handelt und welche Konsequenzen diese Maßnahmen für die noch in der Entwicklung begriffenen Persönlichkeiten der Kinder und Jugendlichen haben? Gilt es nicht vielmehr, positive Rahmenbedingungen und Vorbilder anzubieten, welche ihnen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden?

Lieber Herr Koch, glauben Sie wirklich, dass dies gelingen kann, wenn dazu die finanziellen Mittel fehlen? In Ihrem Bundesland, wie auch in ganz Deutschland, wurden gerade in den Bereichen Kinder- und Jugendarbeit, Kinder- und Jugendhilfe und Sozialarbeit Einsparungen vorgenommen. Dies lässt sich auch durch Strafverschärfung nicht wieder ausgleichen. Das deutsche Jugendstrafrecht mit seinem Erziehungscharakter hält genügend Möglichkeiten für den Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen bereit, die nur konsequent und zeitnah angewandt werden müssten, und gilt europaweit als vorbildlich. Darüberhinaus gibt es fachlich hochqualifizierte Maßnahmen, wie zum Beispiel: Clearingstellen, Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE), Ambulante intensive Begleitung (AIB) und Geschlossene Unterbringung (GU), die der sekundären Prävention dienen.

Aufgrund unserer einschlägigen Erfahrungen in der pädagogischen Arbeit mit auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen und durch die fachliche Auseinandersetzung im Studium, sind wir davon überzeugt, dass folgende zwei Aspekte in dieser Problematik von zentraler Bedeutung sind: 1. Kinder und Jugendliche, vor allem benachteiligte, brauchen realistische Möglichkeiten zur Partizipation und Integration in die Gesellschaft. Hierzu bedarf es gleicher Bildungschancen und qualifizierter Ausbildungs- und Arbeitsplätze für alle. 2. Kinder und Jugendliche brauchen Werte, Vorbilder und eine wertschätzende Umgebung, um Selbstvertrauen und eine stabile und konfliktfähige Persönlichkeit entwickeln zu können.

Damit dies gerade auch für benachteiligte Kinder und Jugendliche gewährleistet werden kann, sind frühzeitige, nachhaltige und bedarfsgerechte Hilfen unerlässlich. Hierbei sind ökonomische Gesichtspunkte, Effektivität und Effizienz Kennzeichen professioneller Sozialer Arbeit. Dabei muss es im Interesse der Gesellschaft liegen, dass für fachlich notwendige und begründete Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe genügend finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen.

Es steht außer Frage, dass gewalttätiges Verhalten von Kinder und Jugendlichen nicht toleriert werden kann. Dieses Phänomen jedoch lässt sich nicht von seinen Ursachen trennen. Diese gilt es anzugehen, als Grundvoraussetzung gelingenden Lebens, das ohne Gewalt auskommen kann.