Wirtschaftsethiker beklagt Schweigen der Kirchen zur europäischen Schuldenkrise : Kirche sollte Stellung nehmen : Das Wesentliche auf den Punkt gebracht

Zum Beitrag „Ethiker: Kirchen müssen zur Krise Stellung nehmen“ in der „Tagespost“ vom 18. August. Hierin beklagt der Sozial- und Wirtschaftsethiker Elmar Nass eine zu starke Zurückhaltung der Kirchen in Deutschland in der europäischen Schuldenkrise, es fände sich „keine offizielle Stellungnahme der Kirche“. Sehr zutreffend fordert der Wissenschaftler, die Kirche müsse klar machen, was die katholische Soziallehre prinzipiell und umfassend dazu hergibt. Stattdessen aber „werde nach seiner Einschätzung in der Öffentlichkeit allerdings ein neosozialistisches Solidaritätsverständnis als vermeintliche katholische Leitposition wahrgenommen“.

Mit dieser Einschätzung steht er leider nicht alleine. Der sozialistische Denkansatz eines Georg Hupfauer von der KAB (Interview in der „Tagespost“ vom 16. August) ist meines Erachtens ein Beispiel, wie es schnell zu extrem einseitigen Stellungnahmen kommen kann, die falsche Politik eher fördern als korrigieren hilft. Ferner stellt Nass fest: „Solidarität ohne Subsidiarität schmückt zunehmend als emanzipiertes Sozialprinzip die europäischen Gerechtigkeitsfahnen“, aber im christlichen Sinne gäbe es Solidarität nicht ohne Subsidiarität. Die Auflösung dieses Zusammenhanges führt zur Erwartung, dass andere die souverän selbst aufgenommen Schulden für Konsumausgaben bezahlen sollen und dies habe in einigen europäischen Staaten eine „Verschwendungssucht entfesselt“.

Bestimmt ist dem aufmerksamen Wissenschaftler nicht entgangen, dass sich die reale deutsche Kirchendiplomatie mit sehr kritischen Positionen gegenüber der Politik eher zurückhält. Und um die geht es hier naturgemäß. Aber sicherlich würden viele verantwortungsbewusste Politiker eine Stellungnahme der Kirche begrüßen, sofern sich die Kirche konsequent auf das Prinzipielle, Umfassende, Nachhaltige, Gute und Richtige in der katholischen Soziallehre beschränkt und dieses beharrlich einfordert.

So zum Beispiel die Unverantwortlichkeit der Politik, stetig und strukturell über ihre Verhältnisse zu leben, die finanziellen Probleme auf die Zukunft zu verschieben und den kommenden Generationen eine astronomische Verschuldung zu hinterlassen. Oder die Unmöglichkeit einer Politik, die Staaten an den Abgrund der Staatspleite führt und die offen beabsichtigt, andere für die eigene Verschwendungssucht bezahlen zu lassen. Gleichermaßen sollte sie eine Politik infrage stellen, die ohne Volksbefragung de facto Souveränitätsrechte aufgibt und unserem Land völlig unkalkulierbare, unbezahlbare Bürgschaftsrisiken aufbürdet.

Diese Politik ist nicht nur unseriös, sondern im höchsten Maße unsozial und wird am Ende die ärmere Bevölkerung mit voller Wucht am härtesten treffen. Dieses Resultat einer verfehlten Politik sehen wir in ganz Europa bereits heute in aller Klarheit. Die Investoren und Spekulanten, die in freier Entscheidung und mit erhöhter Risikoprämie (Zins) unsichere Staatsanleihen kaufen, erwarten zu Unrecht die Übernahme ihrer Risiken durch die Steuerzahler. Hier muss die Politik einen Weg finden, sich nicht mehr von „den Märkten“ erpressen zu lassen. Die Kirche ist kein Mitspieler in diesem Drama. Denn sie verfügt weder über die Macht noch die Kompetenz, sich halbwegs vernünftig in die ausufernde Komplexität von welt-, volks- und währungswirtschaftlichen Themen im Detail einzubringen. Und das ist gut so. Die Kirche kann es diesbezüglich stets beim Appell im Sinne der ausgewogenen Grundsätze der Soziallehre belassen. Es ist die Politik, welche die Suppe auslöffeln muss, die sie eingebrockt hat – alleinverantwortlich.

Eine Situation, die verfahrener nicht vorstellbar in der Sackgasse gelandet ist. Die großen Kirchen in Deutschland haben weiß Gott genug eigene Probleme. Die Politik kann sich zur Abwechslung mal ein Beispiel an den Kirchen nehmen, wenn sie sich unter großem Aufwand und mit Entschlossenheit gezwungen sehen, ihre eigenen Haushalte in Ordnung zu bringen und die Bistumsstrukturen zu konzentrieren. Das ist wirkliche Nachhaltigkeit, indem die Ausgaben der Zukunft den Einnahmen der Zukunft angepasst werden und Verschuldung lediglich eine temporäre Ausnahmesituation darstellt. Dieses aktuell gute Beispiel und die allgemeine, sehr wohl formulierte Soziallehre der Kirche in Form einiger erstklassiger Lehrdokumente sind ein guter Beitrag das Richtige zu erkennen und es zu tun. In diesem Sinne könnte eine allgemeine Stellungnahme der Kirche vielleicht mithelfen, einen Sinneswandel in der Politik herbeizuführen.

Vielen Dank für das Interview mit dem Vorsitzenden der NRW-CDU, Armin Laschet. Endlich hat einer in hinreichender Klarheit und Deutlichkeit auf den Punkt gebracht, worum es im Kern der Eurokrise geht. Vor lauter Rettungsmilliarden, die inzwischen beinahe täglich auf uns einprasseln, verliert man leicht den Blick dafür, woraus Europa lebt und worauf wir uns rückbesinnen müssen, wenn Europa eine Zukunft haben soll. Darauf sollen wir uns konzentrieren.