Wirtschaft und Gemeinwohl: Geld darf nicht Ziel von Unternehmen sein

Zu „Visionen dringend gesucht“ (DT vom 26. August): „Politik ist der Diskurs einer Gesellschaft über die Ziele, die sie erreichen will; dieser Diskurs findet nicht mehr statt“, schrieb Erhard Eppler, Politiker und Minister, vor etwa 30 Jahren. In dem Maß als dieser Diskurs nicht stattfindet, wird Demokratie zum Selbstbedienungsladen derer, die für ihre eigenen Interessen am meisten mediale Kräfte mobilisieren können. Der Artikel „Visionen dringend gesucht“ lenkt die Aufmerksamkeit auf die Digitalisierungswelle, die unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern wird. Er ruft verzweifelt nach Visionen, die diese bereits im Gang befindliche Veränderung in sinnvolle Bahnen zu lenken vermögen.

Was aber wären „sinnvolle Bahnen“? Gibt es eine Vision, die sinnvolle Bahnen aufzeigen kann? Diese Vision gibt es. Damit aber Visionen eine Chance bekommen, muss Abschied genommen werden von der die Politik beherrschenden „Vision“ von Wirtschaft. Sie beruht auf den Systemspielregeln Gewinnstreben und Konkurrenz. Diese Spielregeln befördern Egoismus und damit Gier, Geiz, Neid und Rücksichtslosigkeit und bieten keine Anreize, Verantwortung für das Wohl aller zu übernehmen. Die Autoindustrie hat uns das unübersehbar vor Augen geführt. Solange dieses Wirtschaftssystem, das nicht mehr den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft entspricht, nicht infrage gestellt wird, wird die Gestaltung der Digitalisierung den Interessen der Unternehmen und vor allem deren Geldgebern unterworfen bleiben.

Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen, ist einer der Grundsätze der katholischen Soziallehre. In der herrschenden Gewinn-Wirtschaft ist es aber eher umgekehrt. Nun gibt es eine Vision, die schon begonnen hat, in Unternehmerkreisen Anhänger zu gewinnen: Gemeinwohl-Ökonomie. Sie macht damit ernst, Geld und Gewinn, die zum Wirtschaften gebraucht werden, zum Mittel und nicht wie bis heute zum Ziel der unternehmerischen Tätigkeit zu machen. Ziel soll doch der Nutzen sein, den das Unternehmen für die Gesamtheit erbringt, das „Gemeinwohl“. Eine auf das Gemeinwohl ausgerichtete Bilanz misst, wie ein Unternehmen menschliche Grundwerte in Bezug auf die Personengruppen verwirklicht, mit denen und für die es arbeitet: Kunden, Mitarbeiter, Mitunternehmen, Standortgemeinden, zukünftige Generationen und Umwelt.

Dadurch wird der Wettbewerb vom größeren Gewinn der Anleger als Ziel wegverlagert hin zum größeren Nutzen, den viele davon haben. Es gibt also eine Vision. Sie setzt grundlegender an, denn nur so vermag eine so gewaltige technische Veränderung unseres Lebens wie die drohende Volldigitalisierung in menschenverträgliche Bahnen gelenkt zu werden, bevor es zu spät ist und die Politik – wie bisher meist – nur noch nachträglich vielleicht das größte Unheil zu verhindern vermag.