Willkommen, neues Leben!

Zu Hause bei meinen Eltern fällt mein Blick im Bücherregal auf eine Reihe von Fotoalben. Für jedes Kind in unserer Familie wurde ein solches Fotoalbum angelegt. Ich zögere nicht lange und ziehe mein eigenes heraus. Der erste Eintrag ist auf einen Zeitpunkt Monate vor meiner eigenen Geburt datiert und lautet: „Heute weiß Mama, dass es mich gibt“. Es folgt eine Tabellenkarte aus dem Krankenhaus von den Tagen nach meiner Geburt. Gewissenhafte Krankenschwestern haben dort akribisch aufgeschrieben, wann ich wie viel gewogen habe und wie viel Gramm ich beim Stillen zugenommen habe. Auf der nächsten Seite sind Bilder mit meinen älteren Geschwistern zu sehen, die mich abwechselnd halten oder sich um mich versammelt haben. All diese Einträge und Bilder sagen mir: Ich wurde freudig erwartet und noch herzlicher willkommen geheißen. Ich konnte und kann mich glücklich schätzen.

Ein Glück, das jährlich über 100 000 Kinder in Deutschland nicht vergönnt ist. Denn gut 100 000 Kinder werden Jahr für Jahr nach Zahlen des statistischen Bundesamtes abgetrieben. Was ist das für eine Gesellschaft, in der 100 000 Kinder pro Jahr nicht willkommen sind? Eine Gesellschaft, die trotz ihres Reichtums, trotz Wissen und Technik nicht fähig ist, einen Rahmen für Paare und werdende Mütter zu schaffen, in denen sie ihre Kinder willkommen heißen können und wollen. Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Beseitigung von Kindern als Lösung verkauft wird?

In der Hoffnung, auf diesen Missstand in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, gehe ich Jahr für Jahr auf den Marsch für das Leben in Berlin. Anfangs war ich zugegebenermaßen wenig optimistisch, dass sich jemals etwas ändern wird. Bis ich von einem amerikanischen Pro-Life-Aktivisten las, der sagte, dass in Zukunft die Menschen auf die Abtreibung sehen werden, wie wir heute auf die Sklaverei. Unrecht kann als solches erkannt und anschließend abgeschafft werden, nur muss auch jemand darauf hinweisen.

Seit Jahren steigen die Teilnehmerzahlen in Berlin. Zuletzt waren es 7 000 Demonstranten aus der ganzen Bundesrepublik, die sich einsetzen für ein uneingeschränktes Lebensrecht aller Menschen von Geburt bis zum Tod. Gründe gibt es also genug, am 17. September nach Berlin zu fahren und ein Zeichen für das Leben zu setzen. Damit es in Zukunft 100 000 Kinder mehr gibt, die sich glücklich schätzen können, von ihrem Umfeld und von der Gesellschaft willkommen geheißen zu werden.

Der Autor, 30, arbeitet als Softwareentwickler und engagiert sich für die Katholische Pfadfinderschaft Europa in Nürnberg