Wann ist der Mensch tot? – Zur Diskussion über Hirntodkriterium und Organtransplantation: Wenn das Herz des Leichnams schlägt

Als Arzt und praktizierender Katholik, dem die Gebote Gottes und das menschliche Leben heilig sind, muss ich dem Leserbrief von Herrn Professor Waldstein „Leben retten durch Töten?“ (erschienen in der „Tagespost“-Ausgabe vom 19. August) entgegentreten und hoffe, die „Tagespost“ räumt mir auch so viel Platz ein, wie dem Herrn Professor. Bei meiner viele Jahre umfassenden operativen Tätigkeit als Oberärztin an einer allgemeinchirurgischen Abteilung war ich zwar nicht viel mit Hirntod-Diagnostik befasst, kenne aber die Problematik durch ständigen Kontakt mit der Intensivstation und durch meine medizinische Ausbildung. Herr Professor Waldstein beschreibt die Transplantationsmediziner insgesamt kurzerhand als geldgierige Mörderbande. Die Begründung bleibt er weitgehend schuldig.

Was will Herr Professor Waldstein? Zweifelt er daran, dass der Hirntod ein Todeskriterium darstellt? Oder prangert er nur die Schlampereien bei der Hirntoddiagnostik an? Das wird während des gesamten Leserbriefes nicht ganz klar. Natürlich muss vor einer geplanten Organentnahme die Hirntod-Diagnostik fachgerecht und mit Verantwortungsbewusstsein durchgeführt werden, hier darf man keine Unschärfen erlauben. Aber das ist offensichtlich nicht sein Thema. Professor Waldstein schüttet das Kind mit dem Bade aus und behauptet schlicht, Hirntote seien nicht tot; der Hirntod diene als Scheinbegründung dafür, dass man Menschen Organe entnehmen könne. Er stellt die rhetorische Frage: „Was muss geschehen, dass diesen Verbrechen der Tötung unschuldiger Menschen ein Ende gesetzt wird?“ Als vermutete Motivation führt er an: „Das Hirntodkriterium hat dann eine rasante Entwicklung der Transplantationsmedizin ausgelöst, die zu einem Riesengeschäft wurde“.

Offensichtlich möchte Herr Professor Waldstein die Entwicklungen der Transplantationsmedizin rückgängig machen. Er verteufelt die Hirntoddiagnostik. Dann müsste man allerdings zurückgehen zur Todesfeststellung über den Herzstillstand. Das genügt aber für die heute betriebene Medizin nicht mehr. Darauf geht er mit keinem Wort ein.

Ich bin mir mit Herrn Professor Waldstein völlig einig in der festen Überzeugung, dass man erst dann über die Organe eines Menschen verfügen kann, wenn dieser Mensch gestorben ist. Aus diesem Grunde steht und fällt die Transplantationsmedizin mit der sicheren Feststellung des eingetretenen Todes. Es geht um nichts anderes als um die Todesfeststellung, aber unter ganz speziellen Bedingungen: unter denen nämlich, die auf Intensivstationen herrschen, mit beatmeten und bewusstlosen Patienten. Für diese Situationen ist man auf die Feststellung des eingetretenen Hirntodes angewiesen. Die Gründe dafür werde ich im Folgenden darlegen. Natürlich war es früher, als es noch keine Intensivmedizin gab, ebenfalls wichtig, den Tod eines Patienten mit Sicherheit festzustellen, um dann die menschlichen und juristischen Konsequenzen daraus zu ziehen. Nur war es damals einfacher; es genügte wirklich die Feststellung des Herzstillstandes, um zu wissen: dieser Mensch lebt nicht mehr.

Also: Wie stellt man den eingetretenen Tod unter den Bedingungen der modernen Intensivmedizin zweifelsfrei fest? Das hat sich früheren Zeiten gegenüber radikal geändert. Es hat sich herausgestellt, dass man unterscheiden muss zwischen 1) dem Tod des Individuums, 2) dem Tod der einzelnen Organe und 3) dem Tod der einzelnen Gewebe. Diese Vorgänge laufen nämlich nicht gleichzeitig ab! Wenn ein Mensch stirbt, dann leben seine Organe noch weiter. Das weiß der medizinische Laie normalerweise nicht so genau. Allerdings gehen nach Eintreten des Todes die Organe, Herz, Lunge, Nieren, Haut et cetera ohne Aufrechterhaltung eines Blutkreislaufes mit sauerstoffhaltigem Blut ziemlich schnell, nämlich nach wenigen Minuten, zugrunde. Wenn man den Patienten aber auch nach dem eingetretenen Tod weiter beatmet, dann können die Organe überleben, und das macht man sich für Transplantationen zunutze. Ebenfalls weitgehend unbekannt ist dem Laien, dass die einzelnen Gewebe, aus denen sich die Organe zusammensetzen, zum Teil noch erheblich später absterben. Daher kann man Hornhaut des Auges sogar noch viele Stunden nach dem Tod des Patienten transplantieren.

Wenn man nach dem eingetretenen Hirntod eines Patienten den Leichnam weiter beatmet, dann schlägt das Herz von selbst weiter und der Leichnam sieht aus, als ob er lebte: die Haut ist rosig und bei guter Pflege, wie sie auf Intensivstationen üblich ist, kann ein medizinischer Laie nicht erkennen, dass dieser Mensch schon zu leben aufgehört hat. Viele Menschen wissen nicht, dass das Herz automatisch weiterschlägt, wenn es mit sauerstoffhaltigem Blut versorgt wird und nicht durch einen Infarkt oder eine Verletzung geschädigt war. Ein Mediziner weiß das. Im Rahmen der physiologischen Übungen für Medizinstudenten wird ja im Experiment gezeigt, dass das isolierte Froschherz sogar ganz ohne Blutkreislauf (und ganz ohne dazugehörigen Frosch), nur durch physiologische Kochsalzlösung vor dem Austrocknen geschützt, viele Stunden automatisch weiterschlägt. Das menschliche Herz ist allerdings viel empfindlicher auf Sauerstoffmangel als das Froschherz, sodass es ohne Beatmung nach Minuten die Funktion einstellt und dann abstirbt.

Aufgrund dieser Tatsachen haben die Ärzte daher ein neues Kriterium für den eingetretenen Tod aufstellen müssen und gefunden, dass der Tod eines Menschen mit dem endgültigen Tod des Gehirnes eingetreten ist. Das definitive Todeskriterium ist der Hirntod.

Was ich in Professor Waldsteins Leserbrief in diesem Zusammenhang vermisse, ist die Erwähnung eines diesbezüglichen päpstlichen Statements, das Josef Spindelböck in seiner in Studia Moralia 47 (2009) 237–264 veröffentlichten Arbeit „Sittliche Kriterien der Organspende beim Menschen“ zitiert. Papst Johannes Pauls II. wies beim Internationalen Kongress für Organverpflanzung im „Palazzo dei Congressi“ in Rom am 29. August 2000 darauf hin, „dass das heute angewandte Kriterium zur Feststellung des Todes, nämlich das völlige und endgültige Aussetzen jeder Hirntätigkeit, nicht im Gegensatz zu den wesentlichen Elementen einer vernunftgemäßen Anthropologie steht, wenn es exakt Anwendung findet. Daher kann der für die Feststellung des Todes verantwortliche Arzt dieses Kriterium in jedem Einzelfall als Grundlage benutzen, um jenen Gewissheitsgrad in der ethischen Beurteilung zu erlangen, den die Morallehre als ,moralische Gewissheit‘ bezeichnet. Diese moralische Gewissheit gilt als notwendige und ausreichende Grundlage für eine aus ethischer Sicht korrekte Handlungsweise. Nur wenn diese Gewissheit besteht und die Einwilligungserklärung (Patientenverfügung) des Spenders oder seines rechtmäßigen Vertreters bereits vorliegt, ist es moralisch vertretbar, die technischen Maßnahmen zum Entnehmen von zur Transplantation bestimmten Organen einzuleiten.“

Die von Professor Waldstein angeführten Fälle sind so, wie er sie schildert, völlig untauglich als Beispiele dafür, dass Hirntote leben (die Jugendlichen nach Motorradunfällen, aber auch der polnische Fall, in dem von Hirntod nie die Rede war). Es wird ja nur erwähnt, dass der eine nach Wien zur Organentnahme transportiert wurde, der andere aber auf einer Intensivstation behandelt wurde. Über die Verletzungen, Diagnostik et cetera wird überhaupt nichts gesagt. Es wird nicht argumentiert, sondern behauptet. Damit kann man aber auch nichts belegen. Wenn „Hirntote“ später ohne oder mit geringen Beeinträchtigungen weitergelebt haben, dann hat es sich eindeutig um Fehldiagnosen gehandelt. Wenn das Hirn tot ist, also irreversibel seine Funktion eingestellt hat, dann kann dieser Mensch nie wieder Bewusstsein erlangen, atmen, sich bewegen. Er ist definitiv gestorben. Alle diese Funktionen sind ja ohne Gehirn völlig unmöglich, sie können nur dann wiedererlangt werden, wenn das Gehirn eben nicht tot war.

Hirntod liegt definitionsgemäß nur dann vor, wenn das Gehirn, und zwar das gesamte Gehirn, wirklich definitiv abgestorben ist, so dass es irreversibel seine Funktion eingestellt hat. Der Hirntod muss sorgfältig nach den Regeln der Medizin festgestellt werden. Das ist ein genau definierter Vorgang mit zahlreichen Schritten, die sorgfältig durchgeführt werden müssen.

Der polnische Fall mit dem Video auf kathtube ist so, wie er geschildert wird, ein klarer Skandal. Diese Patientin war aber natürlich nicht hirntot, was im Video übrigens auch nicht behauptet wird. Zuerst wird nur von Koma und Hirnschädigung gesprochen, aber dann bezeichnet sie die Chefärztin plötzlich als tot. Offensichtlich wurde hier keinerlei Hirntoddiagnostik durchgeführt. Das Vorgehen der Chefärztin war fahrlässig bis kriminell. Aber das zu verallgemeinern und der gesamten Transplantationsmedizin solche Absichten zu unterstellen, dazu gehört schon viel! Das gesamte Video ist hier zu finden: www.kathtube.com/player.php?id=25682. Im Internet gibt es eine ausführliche Besprechung des Falles, die man auch als Mediziner nachvollziehen kann: www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/YVxY

Ich antworte auf diesen Leserbrief nicht aus Rechthaberei. Herr Professor Waldstein ist ja nicht irgend jemand, er ist zum Begriff für den brillanten Geisteswissenschaftler und treuen Katholiken geworden, an dem sich Katholiken in ethischen und moralischen Fragen zuverlässig orientieren können. Auf seinem eigenen Fachgebiet ist er zweifellos sehr verdienstvoll. Mit dem Leserbrief „Leben retten durch Töten?“ trägt Professor Waldstein aber keineswegs zur Orientierung bei, sondern zur Verwirrung.