Vierzig Jahre Humanae vitae – Zum Artikel von Renate und Norbert Martin: Wie ein Krimi um die Wahrheit

Vieles ließe sich aus unseren Erfahrungen während der 40 Jahre nach Humanae vitae in den Artikel von Renate und Norbert Martin (Eine Zäsur der Krise der Kirche, DT vom 24. Juli) einfügen, der sich für uns spannend liest wie ein Krimi um Wahrheit, Verdrängung dieser Wahrheit und – so unsere Meinung – der jetzt folgenden Verstrickung in einer Situation der unfreiwilligen Mithilfe bei der verbrauchenden Embryonenforschung. Wir lasen den Artikel wie ein Geschichtsbuch, das in genauer Analyse die Ursachen der Verkennung von Humanae vitae und deren Folgen in gedrängter Form darstellt, wobei wir zwischen den Zeilen unseren eigenen Eheweg und unser Engagement in der Eheberatung und Familienpastoral einfügen könnten.

Auf den Punkt gebracht: Medizinethiker, die auf Seiten der ungebremsten Embryonenforschung stehen, verweisen je nach Temperament und Position genüsslich oder kopfschüttelnd auf die Aufregung von Embryonenschützern, weil diese nicht im gleichen Atemzug gegen die verbrauchende Embryonen-Geburtenregelung kämpfen: Spirale, Pille mit Einnistungshemmern etc., somit Frühabtreibungen auslösend.

Was vor 40 Jahren manipulativ heruntergespielt wurde (abortive Wirkung der Pille, desgl. auch die Wirkung der Spirale), weiß man heute allgemein und hat sich damit abgefunden in einer Haltung, die schon generationenüberlappend von einer falsch verstandenen Auffassung eines autonomen Lebenskonzeptes ausging, in katholischen Kreisen von einer Pseudoentscheidung eines Gewissens, das sich nicht mehr an objektiven Normen und Werten zu entscheiden brauchte. Oft genug verwies man schnell, und auch mit Fug und Recht, auf die sogenannte Königsteiner Erklärung.

Aus den Erfahrungen vieler Jahre in der Beratung von Ehepaaren und nicht verheirateter Paare, katholischer und auch fern der Kirche stehender, haben wir aber auch oft die Erfahrung gemacht, dass junge Paare aufgeschlossen reagierten, wenn sie mit der Wertewelt bekannt wurden, die hinter einer nicht-manipulativen Geburtenregelung steht: Integrität der Person der Frau (auf deren Rücken die anderen sogenannten hochsicheren Methoden ausgetragen werden), gemeinsame Übernahme der Verantwortung, Entdeckung der positiven Lebensgestaltung in der möglichen fruchtbaren Zeit, das grundsätzliche Zusammenbleiben von ehelicher Hingabe und Lebensweitergabe bis hin zu der religiös prägenden Gotteserfahrung aus dem richtigen Ehevollzug.

Wir stehen heute tatsächlich vor einer Trendwende, auf die R. u. N. Martin hinweisen. Hatte man leider früher von vielen in der Familienpastoral Verantwortlichen hören müssen, dass der Weg der Eheleute nach Humanae vitae (Paul VI.) oder Familiaris consortio (Johannes Paul II.) nur für „besondere Heilige“ sei (das heißt man hat aus dem Gesetz der Gradualität, dem liebevollen langsamen Hinführen auf den ehelichen Heilsweg, leider eine Gradualität des Gesetzes gemacht), so ist bei vielen jungen Eheleuten heute eine viel größere Aufnahme und Akzeptanz der unverfälschten kirchlichen Lehre vom Leben aus dem Ehesakrament zu sehen. Deshalb auch der Sog hin zu den geistlichen Bewegungen, weil die Wahrheit zumutbar für jeden Menschen ist und auch lebbar. Wir hoffen, dass der Artikel viele bestärkt, eine Art TÜV für die Familienpastoral ansteuert und als wichtiger Beitrag angesehen wird in der Fortsetzung der Auseinandersetzung um den Wert des menschlichen Lebens, in der die Weichen auf Jahrhunderte unserer christlichen Zivilisation gestellt werden.