Verschiedene katholische Ansichten zum Thema Grundeinkommen: Auch die Ökonomie löst Familienstrukturen auf

„Nicht das System, sondern die Menschen brauchen Korrektur“, sagt Professor Norbert Walter, der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank, über die Finanzkrise im Beitrag „Freiheit, Verantwortung, Gottvertrauen“ (DT vom 16. November).

Die Auflösung familiärer Bindungen ist für Professor Walter eine der zentralen Ursachen, dass „unsere Ethik nicht mehr funktioniert“. Dabei erwähnt er nicht die Tatsache, dass manche Stellen, beispielsweise im Bankensektor oder in der Rüstungsindustrie, besser bezahlt sind als in Sozial- und Pflegeberufen und dass ein Einkommen für eine mehrköpfige Familie deshalb oft nicht mehr ausreicht. Dass Familien also oft auch aus ökonomischen Gründen nicht mehr „funktionieren“.

Als Vollblutökonom lässt uns Walter wissen, dass er von einem „bedingungslosen Grundeinkommen“ nichts hält, weil ihn alle durchgerechneten Finanzierungsmodelle im Forschungsinstitut der Deutschen Bank nicht überzeugten und sich eine solche Sozialleistung „volkswirtschaftlich nicht rechne“. Und er vermutet, „dass ein Grundeinkommen gerade weniger leistungsbereite Menschen animiert, ihre Talente noch weniger zu nutzen“.

Ob Götz Werner („1 000 Euro für jeden“) oder andere Protagonisten eines bedingungslosen Grundeinkommens, zum Beispiel der Katholische Arbeitnehmerbund (KAB) – allen ist eines gemein: Sie setzen ein christliches Menschenbild voraus, welches vor allem Vertrauen in den Einzelnen beinhaltet. Dieses scheint dem Chefökonom der Deutschen Bank in zwanzigjähriger Tätigkeit gründlich abhanden gekommen zu sein. Anders kann ich mir seine Prognosen, „dass eine priester- und sakramentlose Kirche heraufzieht“ und „wir in dreißig Jahren dreimal so viel Demenzkranke betreuen müssen“, nicht erklären.

Herr Professor Norbert Walter glaubt an die „Korrektur des Menschen“. Das taten die Mächtigen in der DDR vor dem Mauerfall damals auch. Und er glaubt, dass im Chefsessel einer Bank Visionen für eine zukünftige Gesellschaft zu berechnen sind.

Ich glaube: Das System bedarf einer Korrektur, weil es Menschsein behindert. Besonders, wenn wir es mit der Zukunft der Familie ernst meinen, kommen wir am Grundeinkommen, nämlich an der Befähigung des Einzelnen, nicht vorbei.

Professor Walter ist, wie ich, ein gläubiger Katholik. Aber uns trennen Welten.

Die Vision für ein bedingungsloses Grundeinkommen wurde am 8. November 2010 im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags beraten. (siehe Mediathek des Deutschen Bundestages) Sie wurde übrigens von einer Tagesmutter vorgetragen, die aus der Praxis heraus weiß, was Kinder brauchen.