Vatikanische Visitation bei den Legionären Christi: Nicht vorschnell urteilen

Der Artikel von Guido Horst über die Legionäre Christi (DT vom 21. Juli) schließt mit dem Satz: „Die fünf Visitatoren, die als Ortsbischöfe alle die Arbeit des Ordens aus eigener Anschauung kennen, haben viel zu tun“. Nun, nach der Tendenz des Artikels könnten sie sich die Arbeit eigentlich sparen: Man höre auf das, was ein ausgetretener Pater Negatives über seinen früheren Orden aussagt, nehme alles als bare (wahre) Münze und fälle das Urteil über 763 Priester (und den am schnellsten wachsenden Priesterorden der katholischen Kirche), 2 161 Seminaristen, 65 000 Mitglieder des „Regnum Christi“ und 340 000 (!) aktive Freiwillige, „die bei Sozialprogrammen, Familien- und Missionsprojekten ... mitarbeiten“. „Eine Menge Holz“ meint Guido Horst, oder vielleicht doch gute Früchte?

Es war in der „Tagespost“ bisher nicht üblich, dass man dem ausgetretenen Mitglied eines Ordens oder einer kirchlichen Bewegung die Kompetenz zuerkennt, über seinen Orden zu richten. Mit welcher Autorität kommt Pater Thomas Berg hier zu Wort? Ich jedenfalls stelle etliche seiner Äußerungen infrage; nur zwei Beispiele: Die religiöse Erziehung und das spirituelle Leben der Angehörigen des Ordens kreiste nicht um die Person „unseres Vaters“. Ich habe zahlreiche begeisternde Vorträge der Legionäre Christi gehört – nicht zuletzt auf dem sicher unverdächtigen Kongress „Freude am Glauben“. „Unser Vater“ kam nicht ein einziges Mal vor! Und weiter: Ich habe zahlreiche Berufungsgeschichten von Seminaristen der Legionäre gelesen. Aus keiner ging hervor, dass die Person des Gründers einen einzigen zum Eintritt in den Orden bewogen habe; vielmehr war es immer das Vorbild guter Priester der Legionäre, ihre Liebe zu Christus und seinen Auftrag, vielen Menschen diese Liebe zu bringen. Wer weiß, dass diese Priester trotz ihrer vielfältigen Aufgaben täglich mehrere Stunden dem Gebet, vor allem auch der Anbetung widmen, zerbricht sich nicht den Kopf, ob hier „ein vom Heiligen Geist gewirktes Charisma“ vorliegt.

Gut, dass gleich unter dem Artikel von Guido Horst ein mexikanischer Bischof davor warnt, die Legionäre Christi vorschnell zu verurteilen. Er weiß, wovon er spricht: Seit Jahrzehnten betreuen die Legionäre Christi caritativ und pastoral ein Gebiet in Mexiko von der Größe eines deutschen Bundeslandes und wirken so vorbildlich bei der Neuevangelisierung im Sinne unserer Päpste.