Sonntagsbetrachtung: „Gott will nicht Blut, sondern Gehorsam“: Die Vaterliebe sichtbar gemacht

Gespannt wartete ich auf Bergers „Sonntagslesung“ (DT vom 5. März): Auch er verbindet die Opferung Isaaks mit dem Verbot von Menschenopfern: „Man kann sagen: Das Ziel von Gen 22 ist, dass Gott den Moloch-Dienst ein für allemal abschaffen will. Dennoch sagt der Bericht auf jeden Fall: Gott könnte so etwas fordern.“ Ich glaube nicht, dass Gott dafür von Abraham die Opferung seines Sohnes forderte. Dagegen spricht ganz klar Gottes Wort beim Propheten Jeremia (32,35): „Sie errichteten die Kulthöhe des Baal im Tal Ben-Hinnom, um ihre Söhne und Töchter für den Moloch durchs Feuer gehen zu lassen. Das habe ich ihnen nie befohlen, und niemals ist mir in den Sinn gekommen, solchen Greuel zu verlangen und Juda in Sünde zu stürzen.“ (ähnlich Jer 7,31; vgl. auch Lev 18,21; Jes 57,5 u.a.)

Für mich ist Gen 22,1–18 eine entscheidende Offenbarung Gottes des Vaters. Wie ich das verstehe? Ich stelle mir die Frage: Wie kann Gott von einem Menschen verlangen: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, und bring ihn als Brandopfer dar“? Sobald ich aber diese Forderung mit dem Satz aus der zweiten Lesung dieses Sonntags verbinde, mit dem „Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben“ (Röm 8,32), kann sie mir die Augen öffnen für die Vaterliebe Gottes. Durch Abraham lässt uns Gott in sein Vaterherz hineinschauen und erahnen, welches Leid dieses Herz am Karfreitag erlitt. Abraham ließ sich von Gott in die Karfreitagsliebe Gottes hineinnehmen. Zwei Sätze der alttestamentlichen Sonntagslesung mögen dies zeigen: Sie begann: „In jenen Tagen stellte Gott Abraham auf die Probe.“ Ob wir das nicht so verstehen dürfen: Gott wollte wissen, ob Menschen einmal seine Vaterliebe verstehen können, ob sie die Kreuzeshingabe seines Sohnes annehmen werden und sich so erlösen lassen? Er will uns ja nicht gegen unseren Willen von Sünde und Tod befreien. Er achtet unsere Freiheit mehr, als je Menschen die Freiheit anderer achten können.

Was das Gott gekostet hat, lässt Er uns durch Abraham erahnen. Wir brauchen nur ein wenig in unserem Herzen dem Satz nachzusinnen: „Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija, und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“ – Auf Gott übertragen: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Jesus, geh auf die Erde, und bring ihn dort auf dem Berg Golgatha als Opfer dar.“

Gottes Liebe ist unbegreiflich. Aber es ist Liebe. Darum kann Paulus zuversichtlich fragen: „Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ Gott geht ganz behutsam mit uns um. Aber Er sucht Menschen, denen er ein wenig von seiner Karfreitagsliebe zumuten kann, damit andere Menschen an seiner Liebe nicht verzweifeln. Und er findet solche Menschen. Darum müssen Heilige oft so furchtbar viel leiden. Denken wir nur an Papst Johannes Paul II.: Wie langsam und qualvoll musste er doch sterben. Aber er hat nie gesagt: „Warum muss ich soviel leiden?“ Nein, er hat uns gerade durch sein Sterben die Karfreitagsliebe Gottes des Vaters erahnen lassen.

Gott sucht Menschen, denen er ein wenig von seiner Karfreitagsliebe zumuten kann, damit andere Menschen an seiner Liebe nicht verzweifeln. Tue ich der Bibel Gewalt an, wenn ich Isaaks Opferung als Offenbarung der Vaterliebe Gottes verstehe?