Solidarisierung mit religionskritischen Karikaturisten: Kein Respekt vor dem, was anderen heilig ist : Wer bin ich? „Je suis Ahmed“

Zur Beitrag „Beleg für die Seichtheit unserer Kultur“ (erschienen in „Die Tagespost“ vom 15. Januar): Großartig, dass Sie in der Ausgabe vom 15. Januar die Kritik des Prager Professors Tomáš Halík abgedruckt haben! Vielen Dank! Endlich eine nüchterne Stimme und eine sachliche und ausgewogene Stellungnahme. Man fragt sich, was Hunderte, ja Tausende von Menschen in Frankreich und Deutschland bewegt hat, sich ausgerechnet als „Charlie“ zu bekennen („Je suis Charlie“), wo doch diese Zeitschrift ohne jeden Respekt das, was Moslems oder Christen heilig ist, im wahrsten Sinne des Wortes „verarscht“.

Wer würde es begrüßen, wenn „im Namen der Freiheit“ zum Beispiel die eigenen Eltern öffentlich so würdelos durch den Kakao gezogen würden? Aber den von den Moslems als Propheten Allahs verehrten Mohammed und den von den Christen als Sohn Gottes verehrten Jesus darf man ohne jede Einschränkung verspotten. Das gilt in einem Land, dessen Staatsreligion ein strenger Laizismus ist, sogar als Heldentat, und die von islamistischen Fanatikern blindwütig ermordeten Satiriker gelten nun als Märtyrer für „unsere Werte“ der Gedanken- und Pressefreiheit.

Es wäre besser, die Menschen hätten sich zum Satz des französischen Philosophen Descartes bekannt: „Cogito, ergo sum.“ Ich denke, also bin ich (ein für sein Denken und Handeln voll verantwortlicher Mensch).

Mit Bezug auf den Leitartikel „Wir sind nicht Charlie“ von Stephan Rehder („Die Tagespost“ vom 10. Januar) und die beiden Leserbriefe in der Ausgabe vom 13. Januar möchte ich den Blick auf den Entstehungsmoment des Satzes „Je suis Charlie“ lenken.

In einem Beitrag für Zeit online beschreibt Thierry Puget, der als erster das Hashtag „Je suis Charlie“ nutzte und zusammen mit Joachim Roncin dazu das Bild mit den drei Worten weiß auf schwarz machte, den Moment, in dem er es zum ersten Mal postete: „Es lag einfach in der Luft - „Für mich lag in #JeSuisCharlie das ganze menschliche Elend“..., „Das Mädchen, das in Mali entführt wurde, die enthauptete Geisel, der junge Amerikaner, der wegen seiner Hautfarbe getötet wurde... Charlie, das war ich, das wart ihr, das waren wir alle.“ Kurz darauf war daraus ein über die sozialen Netzwerke hinaus international präsenter Slogan geworden, der sowohl von Erweiterungen wie von Einschränkungen begleitet wird. Er wurde nicht nur als Symbol für das trotzige Beharren auf Pressefreiheit verwendet, sondern eben auch als Geste der Trauer um die Opfer, was besonders in seiner Abwandlung als „Je suis Juif“ oder „Je suis Ahmed“ zum Ausdruck kommt.

Denn die Opfer im Supermarkt hatten keine Mohammed-Karikaturen gezeichnet, es reichte, dass sie im jüdischen Supermarkt einkauften und „Je suis Ahmed“ erinnert an den Polizisten und gläubigen Muslim Ahmed Merabet, der von den Charlie-Hebdo Attentätern auf offener Straße exekutiert wurde. Er ergänzt den Slogan „Je suis Charlie“ nicht nur, er schränkt ihn auch ein, bis hin zur Negation. In der Formulierung: „Ich bin nicht Charlie, ich bin Ahmed, der tote Polizist. Charlie hat meinen Glauben und meine Kultur lächerlich gemacht, und ich starb in Verteidigung seines Rechts, das zu tun.“

Dem Leitartikel von Herrn Rehder kann ich daher bis auf eine Äußerung vollumfänglich zustimmen. Herr Rehder schreibt, dass man es sympathisch finden kann, wenn ein Volk, das durch einen kaltblütigen Anschlag traumatisiert wurde, sich nun mit den Opfern und ihren Familien solidarisiert und trotzig „Je suis Charlie“ skandiert, dass es aber auch eine kindische Sympathie sei und daher nicht hilfreich und stimmig. Ich denke, dass das, was die Teilnehmer des Protestmarsches zum Ausdruck bringen wollten, sehr wohl stimmig war – ihr Erschrecken bis hin zu einer Erschütterung über diese menschenverachtende Brutalität, die aus Verblendung und Hass im Gegenüber nicht mehr den Mit-Menschen und seine Würde sieht.

Mit „Je suis Ahmed“ ist nach meiner Auffassung alles gesagt.