Seid wie die Kinder?

Entdeckung der Geschöpflichkeit
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Das Schlagwort von der Glaubenskrise kommt in vielen kirchlichen Wortmeldungen unserer Zeit vor. Ich finde, man macht es sich aber zu einfach, unter Glaubenskrise lediglich die Verdunstung von Glaubenswissen zu verstehen. Des Weiteren erscheint es mir fragwürdig, die heutige Haltung von Gläubigen und Ungläubigen als eine Krise des Glaubens zu begreifen. Ist nicht der Unglaube genauso in der Krise wie der Glaube? Worin äußert sich nun heute aber die Schwierigkeit zu glauben?

Wenn sich Gott außerhalb der Zeit befindet, so diagnostiziert der französische Philosoph Stanislas Fumet, dann ist es unsinnig zu sagen, Gottes Botschaft wäre heute altmodischer Tand und reif für den Schrottplatz, auch wenn sie früher Relevanz gehabt hätte. Der Glaube als übernatürliche Tugend kann also nicht in einer Krise sein, weil sein Ziel, die Teilhabe am göttlichen Leben, heute prinzipiell genauso erreichbar ist wie früher. Statt von einer Glaubenskrise müsste man daher von einer Krise der Einsichtigkeit des Glaubensaktes oder des Willens zum Glauben sprechen. Tatsächlich ist der Glaube in unserer Zeit für viele Menschen eines Erwachsenen unwürdig und drückt eher die Haltung eines Kindes aus.

Tatsächlich spricht der Herr im Evangelium lobend über die Geisteshaltung der Kinder, die erst den Zugang zum Gottesreich ermögliche. Romano Guardini kommentiert diese Stelle so: „Die Kindlichkeit ist also die Haltung des Gottesreiches.“ Allerdings warnt er vor einer sentimentalen und romantischen Verkitschung der Kindlichkeit, denn das Kind als solches ist keineswegs unschuldig. „Das Kind trägt alles Schlimme schon in sich“, stellt Guardini fest. Auch das Kind ist ein gefallener und sündiger Mensch und die Kindheit keinesfalls eine Zeitspanne vor dem Sündenfall. Darüber hinaus kann das Kind nur eingeschränkt Vorbild sein, was das „ruhige Vertrauen“ betrifft. Für Guardini kommt diese kindliche „Haltung nicht aus Verdienst, sondern aus Unwissenheit“. Was macht dann das Kind zum Vorbild für den Glaubenden? Das Kind steht „noch in der einfachen Begegnung mit dem Sein“, sagt Guardini und sieht diesen Sachverhalt als wichtigen Unterschied zum Erwachsenen an. Letzterer „lässt das Dasein nicht, wie es ist, sondern bearbeitet es“. Das Kind hat sich noch nicht durch Kultur und Technik eine Heimat auf Erden eingerichtet, die um sein Ich kreist. Es bleibt offen für die Ansprache durch Gott. Insofern „bedeutet Kindsein das nämliche, was das Wort Gläubigkeit ausdrückt; die Haltung, welcher das Glauben natürlich ist, und worin sich das, was von Gott kommt, ohne Hindernis auswirken kann“. Diese Haltung verschwindet aber durch unsere Technik-Kultur, die uns seit frühester Kindheit in der „Unnatur“ birgt. Die Ursache für die Glaubenskrise liegt wohl darin, dass unsere Welt sich mit großen Geschick gegen Gott abschließt und nicht an Gott glauben will.

Motor dieses Prozesses ist eine menschliche Vernunft, die, wie es Papst Benedikt XVI. formulierte, eine Welt ohne Gott schafft, weil sie „den Betonbauten ohne Fenstern“ gleicht. Sicherlich hat sich dieser Prozess in der Moderne beschleunigt und in der „Kultur des Todes“ radikalisiert. Allerdings scheint diese Welt, die Gott nicht aufnehmen will, das Grundproblem der christlichen Verkündigung von Anbeginn zu sein. Daher ist die Krise, um die es hier geht, nicht ein ungekanntes Phänomen, sondern die Notwendigkeit der Entscheidung für oder gegen Christus, die weder damals noch heute einfach ist. Früher mag Konformitätsdruck über die Schwierigkeiten zu glauben hinweggeholfen haben. Heute kann ein Umbau der Vernunft den Zugang zum Glauben-Wollen erleichtern, indem er den Weg über das Vorbild des Kindes zur Gläubigkeit ebnet und den Glauben als Haltung auch für Erwachsene einsichtig macht. Glaubenskrise kann also noch etwas ganz Anderes, fast schon Positives heißen: nämlich Unterscheidung. Die heutige Glaubenskrise fordert die explizite Entscheidung für Christus und das, was Ihn von unserer Welt und Zeit unterscheidet.

Der Autor, 28, promoviert in Lyon