Robert Spaemann und das nachsynodale Schreiben des Papstes: Der Papst ist kein Häretiker

Der Papst ist kein Häretiker. Vielen Dank an Professor Spaemann für diese Klarstellung (DT vom 18. Juni) wie auch für seine vorangegangene Stellungnahme gegenüber der Catholic News Agency. In der Juristerei gibt es den Grundsatz, dass Gesetze nach Möglichkeit verfassungskonform auszulegen sind: Unter mehreren verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten ist derjenigen der Vorzug zu geben, die mit der Verfassung (in Deutschland dem Grundgesetz) vereinbar ist. Erst wenn eine solche verfassungskonforme Auslegung schlechthin nicht möglich ist, kann man von einem verfassungswidrigen Gesetz sprechen.

Dasselbe gilt für den Glauben. Der Heilige Vater ist das Oberhaupt und der Gesetzgeber der Kirche; die „Verfassung“ der Kirche ist aber das „depositum fidei“, der von Christus und den Aposteln gelehrte Glaube. Eine theologische Aussage ist nicht schon dann häretisch, wenn sie in einem häretischen Sinn verstanden werden kann, sondern erst dann, wenn sie mangels anderer Deutungsmöglichkeiten so verstanden werden muss.

Diese Schwelle hat Papst Franziskus bisher nicht überschritten. Feierliche Dogmen hat er bisher noch keine verkündet, und seine lehramtlichen Äußerungen konnten bisher immer – wenn auch mitunter mit einiger Mühe – in einem glaubenskonformen Sinn gedeutet werden. Daneben gab es noch eine ganze Reihe von Äußerungen, die zwar offenkundig in Form und Inhalt verfehlt waren, über die man sich aber damit „hinwegtrösten“ konnte, dass ihnen ein lehramtlicher Charakter offensichtlich fehlte. Allerdings besteht die Aufgabe eines Papstes oder Bischofs nicht darin, dass er Äußerungen macht, die man mit Müh' und Not (auch) als glaubenskonform deuten kann, sondern darin, dass er die Gläubigen mit kraftvollen und eindeutigen Worten im Glauben stärkt.