Psychische Erkrankungen: Arbeitswelt macht krank

Psychische Erkrankungen

Zu „Kranke Gesellschaft“ (DT vom 22.3.): Es ist lohnenswert, dem starken Anstieg psychischer Erkrankungen auf die Spur zu kommen. Sicherlich haben die im Artikel genannten Beispiele – wie etwa exzessive Smartphone- oder Internetnutzung – einen erheblichen Anteil daran, der nicht von der Hand zu weisen sein dürfte. Trotz stark gewandeltem Freizeitverhalten wäre aber – aus meiner Sicht – die gewandelte Arbeitswelt hier stärker zu gewichten. Nur im Ansatz wurde dieses Thema (...) gestreift. Dazu in aller gebotenen Kürze: Heute beherrschen anonyme Hedge-Fonds die Börsenkurse, private-Equity-Gesellschaften mit kurzfristigen oder überzogenen Renditeerwartungen diktieren die Rahmenbedingungen. Zugunsten der Rendite haben ethische Werte und zwischenmenschliche Beziehungen, da nicht profitabel, zurückzustehen. Um Menschen unter diesen (...)Rahmenbedingungen zu führen, bedarf es Vorgesetzter, die moralisch wenig (bis gar nicht) festgelegt sind. Dies bedeutet, man benötigt (...) einen Typus, der nicht nur auf zwischenmenschliche Beziehungen, ethische Mindeststandards oder moralische Normen wenig Rücksicht nimmt (...), sondern der mit solchen Begriffen schlicht überhaupt nichts mehr anfangen kann. Der in seiner krankhaften Selbstbezogenheit moralisch integre Menschen betrachtet wie ein Forscher einen Steinzeit-Volksstamm auf Neuguinea: distanziert und völlig unbeteiligt. Es versteht sich, dass unter diesen Bedingungen Anzeichen einer gestandenen Persönlichkeit – wie etwa religiöse oder ethische Auffassungen – als hinderlich gelten müssen und als Folge dessen immer öfter ein sich polyglott gebender, alerter Typus Personalverantwortung erhält. Im Artikel wird er als „Narzisst“ bezeichnet, ich halte „Soziopath“ für treffender. Hat er doch zu ethischem Vorgehen keinerlei inneren Zugang und heuchelt lediglich ein an moralischen Maßstäben orientiertes Verhalten, um temporär einen Vorteil für sich zu erhalten. Er führt Mitarbeiter im wahrsten Sinne des Wortes gewissenlos, gaukelt ihnen Versprechungen vor, geht Verpflichtungen ein, ohne sich moralisch in irgendeiner Form gebunden zu fühlen. Er spiegelt Gefühle oder menschliche Regungen lediglich vor, um sie für sich gewinnbringend in einer konkreten Situation auszunutzen. Formelhaft versucht er – nach der Methode Versuch und Irrtum – glaubwürdig zu kommunizieren, was er bei anderen als Erfolg bringend abgeschaut hat. Zu eigenen emotionalen Regungen weitgehend unfähig, scannt er förmlich die Wünsche und Träume seiner Umgebung ab, um diese zielgerichtet für sich zu nutzen, bringt Untergebene dazu, „richtig Vollgas zu geben“, um die Ausgepowerten – nachdem er dadurch sein persönliches Karriereziel erreicht hat – achtlos beiseite zu schieben. Die persönliche Integrität eines solchen Menschen geht naturgemäß gegen Null, was aber heutzutage nicht mehr negativ auffällt.

Denn das Arbeitsumfeld hat sich seit einigen Jahren für soziopathische Funktionsträger signifikant verbessert: Mittels der „human resources“ soll optimaler Profit erwirtschaftet werden – also beschleunigt man Arbeitsabläufe und Kommunikation immer mehr, um aus ihrer sich immer weiter verkürzenden „Nutzungszeit“ was immer möglich „rauszuholen“. Mit dem Ergebnis, dass bereits Vierzigjährige heute als „für den Wettbewerb zu alt“ gelten – das irrsinnige Tempo kann nur noch von Menschen von Mitte 20 bis Mitte 30 auf Kosten ihrer Gesundheit „mitgegangen“ werden.

Denn kontinuierlich steigende Arbeitsverdichtung (eine Person hat gemeinhin die Aufgabenfülle von circa 2-3 bisherigen Arbeitsstellen) sowie eine irrationale „Flexibilitätserwartung“ (schon an das „mittlere Management“) bezüglich Auslandsaufenthalten betreiben offen Raubbau an den psychischen und physischen Kräften, man wird pausenlos „an seine Grenzen“ geführt beziehungsweise „auf das nächste Level“ gehoben, bis man ausgebrannt ist (...).

Fazit: In einer Arbeitswelt, die lediglich – auf relativ kurze Zeit – vollflexible und hoch mobile Funktionselemente zur Profitmaximierung benötigt, kann ein Erwachsener, der auf ein Familienleben samt Freundeskreis, Hobbies und ethische Mindest-Standards nicht verzichten kann, kaum psychisch gesund bestehen.

Steffen Wiegand, 65451 Kelsterbach