München: Lebensschutzdemo und Kirchenverbot des Erzbistums: Die anderen reiben sich die Hände: Ausdrücklich distanziert: Unangebrachte Correctness: Gemeinsam nach Wegen suchen

Das Erzbistum München hat der überkonfessionellen Vereinigung „EuroProLife“ aus Sorge vor einer Unterwanderung durch rechtsextreme Gruppierungen am 24. Oktober 2009 keine Kirche zur Feier der Heiligen Messe als Auftakt ihres neunten „Gebetszugs für das Leben“ zur Verfügung gestellt (DT vom 24. Oktober). Der hier angelegte Maßstab ist mehr als fragwürdig. Vor allem aber wird damit diese verdienstvolle Vereinigung zusätzlicher Häme und Verunglimpfung vieler die „Kultur des Todes“ verbreitender Medien und Gruppierungen ausgesetzt. Ein über die Website von de.indymedia.org verbreiteter Text ist überschrieben: „Erste Erfolge gegen ,Lebensschützer‘“. Weiter heißt es dort: „Die Haltung der katholischen Kirche zum Thema Abtreibung (und diversen anderen Themen) ist definitiv nicht cool. Aber ganz nett und praktisch ist folgende Ansage: Die Erzdiözese München und Freising distanziert sich von dem diesjährigen ,Gebetszug 1 000 Kreuze für das Leben‘, der am 24. Oktober durch die Münchner Innenstadt ziehen soll.

Mit Genugtuung wird kurz darauf triumphiert: „Das heißt, die ,Lebensschützer‘ werden sich nun nach einer anderen Location umschauen müssen oder ihren Zug dann doch wie in Ulm absagen!“ In einer Stellungnahme der Linkspartei zu Abtreibung, Demografie und Kindeswohl, die die Position dieser Kräfte zutreffend zum Ausdruck bringt, heißt es unter anderem „Ein ganz besonders durchtriebener ,Wirtschaftsweiser‘, nämlich Hans-Werner Sinn, meinte einst gar, den Beitrag zur Rentenversicherung künftig nach Anzahl der Kinder staffeln zu dürfen. Das würde nicht nur bedeuten, ein zur NS-Zeit beliebtes Verfahren (Erhöhung der Steuerlast für Kinderlose zur Sicherung ,arischen‘ Nachwuchses) als tolle neue Idee zu propagieren, sondern auch alle seit damals hart erkämpften individualen gesellschaftlichen Rechte in Frage zu stellen. Dazu gehört in erster Linie, frei in der Entscheidung über die eigene Lebensplanung zu sein. Ob ich homo-, trans- oder heterosexuell sein möchte, ob ich eine Beziehung eingehen oder meine Sexualpartner wechseln möchte wie Socken, ob ich bis ins hohe Alter an Orgien teilnehme oder ob ich aus religiösen Gründen sexuell unterdrückt lebe – das alles ist meine Privatentscheidung.“

Der Information der Veranstalter auf dem Einladungszettel zur Demonstration, dass Europa mit einer Geburtenrate von nur 1,5 „weit unter dem für den Selbsterhalt eines Volkes nötigen Mindestwert von 2,1“ liege, wird eine „völkische Sprache“ unterstellt. Damit macht man sich eine Argumentation derjenigen zu eigen, deren übles Treiben in den Medien und auf der Straße gegen öffentliche Proteste von Abtreibungsgegnern allen, die es wissen wollen, hinreichend bekannt ist. Wie dringend erforderlich eine entgegengesetzte Position aller Verantwortlichen der katholischen Kirche ist, zeigen die bereits 1962 auf dem berüchtigten Londoner Ciba-Kongress von dem Mitbegründer der UNESCO und ersten Präsidenten dieser Organisation (1946–1948), Julian Huxley, im Einführungreferat geäußerten, neokolonialistischen Worte: „Außerdem müsste ein internationales Hilfswerk berücksichtigen, was ich die demografische Kreditwürdigkeit des Empfängerlandes nennen möchte. Wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, dass durch die Hilfe der Bevölkerungsüberschuss vermindert wird, soll das Empfängerland die Mittel bekommen, eine wirkungsvolle Politik der Geburtenkontrolle einzuleiten. Ein Teil der Mittel soll der Überwachung dienen, dass diese Politik erfolgreich bleibt.“ Diese heute tatsächlich betriebene Weltpolitik ist menschenverachtend, und sie anzuprangern ist nicht „völkisch“.

In der Auseinandersetzung um den Lebensrechtszug in München am 24. Oktober zeigt sich wieder, dass der Teufel imstande ist, sogar eigentlich Verbündete durch törichte Aussagen gegeneinander aufzubringen und einer wichtigen Sache ungeheuren Schaden zuzufügen.

Es ist eine Tatsache, dass der 1 000-Kreuze-Zug im Jahr 2008 schon auf dem Münchner Marienplatz derart von Linksaktivisten durchsetzt war, dass ein Austeilen der Kreuze nicht möglich war. Durch Parolen „Hätt' Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“ und: „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ war uns gleich zu Beginn klar, wer hier unter uns agierte. Während des mehrstündigen Zuges (ohne Kreuze, aber betend und singend) bemerkten wir dann die schwarzgekleideten Gestalten der etwa 15 Neonazis im Zug dadurch, dass sie nicht mitsangen, nicht mitbeteten und sich auch nicht mit uns auf die Straße knieten. Die Turbulenzen und das Gebrüll waren 2008 teilweise so stark, dass der Zug nur durch stilles Knien auf der Straße die Nerven der Teilnehmer wieder beruhigen konnte. Der Polizeischutz war auch 2008 hervorragend. Mehrere Leute, auch ich, wiesen die Polizei mehrfach auf die rechte Gruppierung hin, wir wollten sie natürlich nicht dabeihaben: Auskunft war, solange sie ruhig mitgingen, könne man nichts machen.

Tatsächlich erfolgte auch durch diese Gruppe keinerlei Beeinträchtigung. Auf dem am nächsten Tag in München stattfindenden Kongress zum 40. Jahrestag der Enzyklika „Humanae vitae“ wies die Leitung des Gebetszuges mehrfach auf diese Problematik hin, distanzierte sich ausdrücklich von jeder Zusammenarbeit mit rechten Gruppen. Der Vorwurf, man habe sich nicht glaubwürdig im Jahr 2008 von rechten Gruppen distanziert, ist ungeheuerlich.

Zum Vorwurf der „völkischen Sprache“: Dutzende Male las man die Zahlen, die zum Erhalt eines Volkes nötig sind in den verschiedensten Organen. Die wenigsten wissen, dass bei der niedrigen Zahl die Babys unserer ausländischen Mitbürger dabei sind, dass also deutsche Frauen noch weniger als 1,3 Kinder ihr eigen nennen. Aber aufgepasst: „Deutsche Frau“ wird sicher auch bald zur „völkischen Sprache“ erklärt. Es ist eine Katastrophe, wenn solche Dinge Schule machen.

Die Weigerung des Erzbistums München, den Lebensschützern von „Euro ProLife“ eine Kirche zur Verfügung zu stellen (DT vom 24. Oktober) kommt leider nicht überraschend. Geht man davon aus, dass die Freigabe der Abtreibung und damit der millionenfachen Tötung von Ungeborenen im Mutterleib eines der entsetzlichsten Übel ist, das einen nahezu an dieser Gesellschaft verzweifeln lässt, dann war und ist die Reaktion der Kirche darauf in Deutschland und auch in Österreich mehr als armselig. Ob es sich um das Finassieren in der Scheinfrage oder um die Weigerung handelt, unisono am Fest der unschuldigen Kinder die Glocken zu läuten: immer schon hatte man den Eindruck müder Pflichtübungen oder gar weitgehender Resignation. Sie steht in peinlichem Kontrast zu dem Grauen, dem ein nicht nachlassender Sturm der Entrüstung angemessen wäre, wie wir ihn neuerdings immerhin noch in Spanien erlebt haben.

Man wird mir entgegenhalten, dass sich die Gläubigen heute nicht mehr so wie in früheren Zeiten mobilisieren lassen. In der Tat beschränken sich die öffentlichen Demonstrationen gegen die Abtreibung auf kleine christliche Gruppen, die ohnehin auch von kirchlichen Kreisen als „Fundamentalisten“ beschimpft werden. Aber die Frage ist doch, warum sich die Katholiken bei uns heute so passiv verhalten und somit genau das Gegenteil der vielbeschworenen „konziliaren Aufbrüche“ eingetreten ist: eine allgemeine und erschreckende Indifferenz gegenüber den Schicksalsfragen nicht nur der Kirche, sondern der gesamten Gesellschaft! Dabei wird man die Amtsträger gerade hier nicht von Verantwortung freisprechen können. Denn es ist nicht schwer und hat nichts mit spezifisch katholischen Moralauffassungen zu tun, den Menschen immer wieder und mit beschwörender Eindringlichkeit klarzumachen, dass man ein Kind auch dann nicht töten darf, wenn es noch winzig ist und sich im Mutterleib befindet.

Gänzlich verfehlt, ja verwerflich ist auch der Einwand, die Proteste nützten sich ab und würden schließlich verpuffen. Ihm liegt der Gedanke zugrunde, die Kirche habe ihre Schuldigkeit getan, wenn sie einmal oder mehrmals und dann nicht wieder gegen die fortwährende schwere Beleidigung Gottes ihre Stimme erhoben habe. Nicht selten hat man den Eindruck, viele Amtsträger wollten sich den Gesetzen der political correctness fügen, um wenigstens noch als ein Interessenverband neben anderen akzeptiert zu werden. Aber diese Absicht ist genauso falsch wie der Versuch, sich mit den anderen Religionen immer mehr zu verbrüdern, um so mit ihnen zusammen im Weltkonzert ernst genommen zu werden. Sie verdunkelt das einzigartige Wesen der Kirche, die in der Öffentlichkeit als Trägerin der göttlichen Offenbarung auftreten muss und unmissverständlich auf den Geboten Gottes zu bestehen hat: vor allem dort, wo sie dem gesunden Menschenverstand und dem Naturrecht entsprechen.

Ich kann nicht beurteilen, was im Letzten dazu geführt hat, dass das Erzbistum München und Freising Lebensschützer nicht in die Kirche gelassen hat. Ich weiß auch nicht, wer bei der ganzen Angelegenheit die Argumente auf seiner Seite hat. Das alles ist ohne konkrete Vorort-Kenntnis für mich schwer zu beurteilen. Darum will ich es auch nicht tun. Was ich aber nicht verstehe, ist dies: Warum hat man sich denn nicht zusammengesetzt und miteinander geredet? Dieser Umgang miteinander sollte doch möglich sein, auch wenn man vielleicht nicht hundertprozentig beieinander ist, wenn es um die Art des Protestes geht. Wenn man sich doch im Ziel Lebensschutz einig ist, ist das doch Grund genug, um gemeinsam nach Wegen und Lösungen zu suchen, mit denen man den Vertretern einer Kultur des Todes nicht die Hände spielt.