Mein junger Glaube im Alltag: Gott, komm uns zu Hilfe!: Stein im All

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Als am 18. März das neue EZB-Gebäude in Frankfurt in einem feierlichen Akt eröffnet wurde, da hatte dieser Termin seinen Schatten schon weit vorausgeworfen. Tausende Demonstranten machten sich auf, um ihr Zeichen gegen die Geldpolitik der EZB zu setzen. Neben friedlichen Kundgebungen eskalierte es dennoch bildgewaltig. Gruppen gewaltbereiter und gewaltwilliger „Demonstranten“ ließen Fahrzeuge in Flammen aufgehen und entzündeten sich selbst am Rausch der gewalttätigen Auseinandersetzung. Es liegt freilich nahe, davon auszugehen, dass es sich dabei nicht um politisch motivierte und aktive Personenkreise handelt, sondern um solche, deren Anreise allein auf eine derartige Zerstörungswut beschränkt bleibt, sich aber darin voll und ganz erfüllt.

Am Palmsonntag stehen ebenfalls eine Stadt und ein Ankömmling im Mittelpunkt des Geschehens. Jesus zieht auf einem Esel reitend in Jerusalem ein. Die Menschen eilen ihm entgegen, sie legen ihre Kleider und Zweige auf den Weg und sie rufen: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! […] Hosanna in der Höhe!“ (Mk 11,9) Die bekannte Motivik spricht für sich. Das Volk von Jerusalem empfängt den Friedenskönig, dessen Ruf schon vorausgeilt war. Der Mann, der in Galiläa Kranke heilte, Dämonen austrieb und Tote wieder ins Leben zurückgerufen hatte, dieser Mann kam nun in die große Stadt Jerusalem. Der Ruf Hosianna drückt die Erwartung an ihn noch einmal deutlich aus, was zu Deutsch so viel bedeutet wie „Hilf doch!“. Auch heute noch ziehen die Kirchengemeinden, wie damals in Jerusalem, mit Zweigen in der Hand am Palmsonntag in ihre Kirchen ein. Singend und rufend begleitet sie dabei auch das „Hosianna“. Dieses „Hilf doch!“ drückt den sichtbaren menschlichen Zustand durch alle Zeiten hindurch recht treffend aus. Wer hat noch nicht zu seinem Schöpfer und Gott um Hilfe gerufen? Der Mensch lebt sein Leben, mag es gelingen oder nicht, der Ruf um Hilfe, der sich an das Größere unserer Vorstellungskraft richtet, er ist Teil einer jeden Biographie. Ein Ruf der in der Chronologie der Karwoche zunächst zu verhallen scheint. Der einziehende Retter endet am Kreuz! Die Begeisterung der Bevölkerung ist in Hass umgeschlagen und der freudige Ruf nach Hilfe verkehrt sich unter dem Kreuz in das keifende: „Hilf dir doch selbst und steig herab vom Kreuz!“ (Mk 15,30)

Dass uns Christus am Ende doch zu Hilfe kommt, dass zeigt das Osterfest, wenn wir den endgültigen Sieg über den Tod feiern. Die Begegnung Jesu mit der Stadt Jerusalem ist darum von ihrem Wesen her reine Hingabe, reitet er doch zugleich den Toren seiner Passionsstätte entgegen. Verbindet man diese Begegnung mit den Zerstörungsreisenden von Frankfurt, dann werden zwei gegenüberliegende Positionen offenbar, die doch aufeinander ausgerichtet sind. Einerseits der selbstlos handelnde Jesus, der den Tempel seines Leibes zerstören lässt und der Menschheit sozusagen umfassende Hilfe bringt, andererseits der zerstörerische Mensch, der in seinem entglittenen Handeln doch um nichts anderes schreit, als um diese Hilfe und der sie in seiner Blindheit nicht anders formulieren kann als durch seiner Hände Gewalt.

Der Autor studiert katholische Theologie in Regensburg

Die Erde sei ein blasser blauer Punkt im riesigen Universum, sagte einmal der US-Astronom Carl Sagan. „Blue dot“ hieß auch die ISS-Mission, an der der deutsche Astronaut Alexander Gerst im letzten Jahr teilnahm. Mit dabei war, wie ich erfahren durfte, ein faustgroßer Stein. Es war nicht irgendein Stein, sondern ein Stück des Kölner Doms, der so gut 2 500-mal den blauen Planeten innerhalb eines halben Jahres umrundete. Am Mittwoch gab Gerst den Gesteinsbrocken zurück und berichtete bei einer Pressekonferenz von seinen Erfahrungen im Weltraum. Das „Stückchen Dom“ sei für ihn „wirklich Heimat im Orbit“ gewesen. Fasziniert sei er von der Schwerelosigkeit gewesen: „Ich konnte dieses Stück vom Kölner Dom einfach vor mich in die Luft stellen, es schwebte und drehte sich dabei langsam.“ Doch darüber hinaus habe er von der Raumstation aus gesehen, wie Umweltzerstörung und Kriege die Erde zerstören. „Es ist unglaublich, wenn man sieht, wie zerbrechlich die Erde ist.“ Ja, wenn wir achtsam auf die Welt schauen, so müssten wir in ihr eigentlich einen Ort erblicken, in dem wir die idealen Lebensbedingungen vorfinden. Und dennoch scheinen wir dieses Paradies selbst zu zerstören. Gerade deshalb sind Friedenspolitik und Umweltschutz zwei zutiefst dringliche Projekte für das Überleben des Menschengeschlechts. Insbesondere die Religion hat hier ihrem Auftrag, der Welt ein menschenwürdiges Antlitz zu verleihen, nachzukommen.

Andererseits kann diese Art der Naturfrömmigkeit aber auch wegführen vom Glauben an Gott. Paulus warf den Heiden vor, sie verehrten das Geschaffene anstelle des Schöpfers (Röm 1,25). Der Stein, wenngleich er einem Gotteshaus entnommen ist, bleibt eben ein Ding, etwas Totes, nicht etwas Lebendiges. Christus dagegen ist „der lebendige Stein“ (1 Petr 2,4), der, wie wir in Bälde wieder feiern dürfen, die Welt erlöst. Bei aller Begeisterung für Naturschutz und Friedensethik, die ich freilich teile, haben wir Christen unser Engagement immerzu zurückzubinden an den Auftrag des Schöpfers, die Erde urbar zu machen („kabasch“, Gen 1,28). Dabei helfen kann ein Stichwort, das Gerst mehrmals fallen lässt. Es lautet „Verantwortung“. Ein schillernder Begriff, der nicht nur bei Umweltfragen auftaucht und der oft genug missbraucht wird. Wir müssen unsere „Heimat Erde“ vor den Folgen übermäßiger Ausbeutung bewahren, so der Appell, um sie noch künftigen Generationen übergeben zu können. Doch wem gegenüber haben wir unser Tun im Letzten zu verantworten? Unseren Kindeskindern? Im Grunde ist auch ein so säkular verwendeter Begriff wie Verantwortung oder Nachhaltigkeit theologisch vorgeprägt: Die Schöpfung ist ein Geschenk, reinste Gnade. Der Stifter dieser Gnade ist Gott und nicht die Schöpfung selbst. Ihn, der Alpha ist und Omega (Offb 21,6), ehren wir, wenn wir für seine Schöpfung sorgen.

Der Autor ist 22 Jahre und studiert Theologie in München