Mein junger Glaube im Alltag: Ein bisschen Frieden: Nicht nur neunundneunzig

Generationen auf der Flucht

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Ob Nicole mit ihrem Lied „Ein bisschen Frieden“ heute noch eine Chance gegen eine Conchita Wurst hätte, darf man ruhig bezweifeln. Obwohl vielen Menschen der Frieden so wichtig ist, leben wir auch heute noch in einer Welt, die wohl mehr als nur ein bisschen Frieden nötig hätte. Wirft man einen Blick in die Tageszeitungen und Nachrichten, so dominiert die Meldungen derzeit das Thema Krieg. Nahostkonflikt, Bürgerkrieg in Syrien und Ukraine-Krise sind nur die Spitze eines riesigen Eisberges.

Und während sich die einen noch Gedanken darüber machen, welche Wörter man besser für „Krieg“ verwenden könnte, fordern die anderen mehr Waffenlieferungen. Wie aberwitzig der krampfhafte Versuch ist, das Wort „Krieg“ aus dem Wortschatz der Menschheit zu verbannen, zeigen die Definitionsversuche: Während sich die Wissenschaft ernsthaft darüber streitet, ab wie vielen Toten man nicht mehr von einer Krise oder einem Konflikt sprechen kann, sterben Menschen durch Waffen, die in einem Land hergestellt wurden, von welchem nie wieder ein Krieg ausgehen sollte. Aber von Konflikten oder Krisen war bei Willy Brandt ja auch nie die Rede.

Und so verschwimmen im Laufe der Zeit eben nicht nur Definitionen, sondern auch die Erinnerungen an die Vergangenheit. Wer hätte gedacht, dass der „Bürger in Uniform“ sich schon bald zu einer Verteidigungsarmee mausert und sich schließlich zu einer Interventionsarmee entwickelt? Hat sich die Welt wirklich verändert oder ist lediglich unsere Sichtweise eine andere? Wo in den sechziger Jahren noch Friedensproteste stattfanden, ist heute nichts als Schweigen. Und auch die Regierungschefs scheinen binnen weniger Jahre vergessen zu haben, was Krieg bedeutet. Betrachtet man die Ukraine-Krise, so ist es doch erstaunlich, wie schnell selbst kalte Kriege wieder aufkochen können. In Deutschland stirbt die Kriegsgeneration weg und die jüngeren Generationen wollen von den Kriegen und Kämpfen der Vergangenheit nichts wissen. Dem Frieden haben längst Wohlstand und Arbeitsplätze den Stellenwert abgerungen. Großes Glück und Pech zugleich ist die Tatsache, dass der Krieg nicht mehr vor der eigenen Tür stattfindet. Deutschland wird in der heutigen Zeit am Hindukusch verteidigt, wie Peter Struck bemerkte. Das Leid und die Not sind somit nicht präsent. Und auch die Erzählungen der Kriegsgenerationen finden wenig Anklang. Wer will schon jemandem zuhören und Glauben schenken, der sein Wissen nicht über Wikipedia teilt?

Ein weiterer Grund für die derzeitige Einstellung zu Krieg und Waffenexporten sind die Medien. Zwar ist der Krieg nicht greifbar, aber die Berichte darüber schockieren uns und machen uns betroffen. Die Komplexität der einzelnen Konflikte wird gerne außer Acht gelassen und Auseinandersetzungen vereinfacht dargestellt. Ein Einschreiten und Helfen scheint in solchen Gebieten geboten. Und da man ja bekanntlich mit „den Bösen“ nicht reden kann, hilft es nur, die andere Seite mit militärischen Mitteln zu unterstützen. Eine Einteilung in „Gut“ und „Böse“ mögen wir Menschen am liebsten und deshalb vergessen wir gerne, dass diejenigen, die gestern noch gut waren, heute schon zu den Bösen zählen können.

„Am Ende bleibt

die Frage nach der

Rechtfertigung“

Am Ende bleibt die Frage nach der Rechtfertigung. Kann der Einsatz von Gewalt oder das Unterstützen von Gewalt gerechtfertigt sein und wenn ja, ab wann? Auch wenn die Selbstverteidigung und der Selbstschutz hoch zu bewerten sind, so ist es doch das Einfallstor für Leid und Elend. Die Rechtfertigung von Krieg und Gewalt ist wie das Wasser, das an einer Sandburg frisst und langsam das gesamte Gebilde unterspült.

In unserem christlichen Werteverständnis werden die Märtyrer als Urtypen des Friedens und des Glaubens gefeiert. Sie sind strahlende Vorbilder in puncto Glauben und Leben. Doch wenn es um das Nacheifern ihres Handelns geht, so sind wir plötzlich ganz klein und unsere Vorbilder rücken in weite Ferne. Auch wenn von niemandem ein Martyrium verlangt werden kann, so sollten wir doch ab und zu daran denken, dass Frieden nicht gewaltsam herbeigeführt werden kann.

Der Autor, 24, promoviert im Fach Jura in Würzburg

Ein großer Fernverkehrsbahnhof wird plötzlich stillgelegt. Es darf kein Zug mehr ein- noch ausfahren. Die Menschen auf den Bahnsteigen werden nervös. Was ist hier los? Ich muss weiter! Anders vier Gestalten am Ende des Bahnsteigs. Zwei Polizisten und zwei Sicherheitsbeamte der Bahn blicken in die scheinbar unendliche Ferne der Bahnstrecke und warten auf ihren Einsatz. Nun scheinen sie das Startkommando „von oben“ erhalten zu haben, denn die beiden Sicherheitsbeamten betreten die Gleise und machen sich auf den Weg. Wohin? Sie machen sich auf den Weg zu drei kleinen, höchstens fünfjährigen Kindern, die in der Ferne am Gleis spielen und wohl nicht ahnen, in welcher Gefahr sie sind.

Wenige Minuten später werden die Kinder an der Hand der Polizisten und am starken Arm eines Sicherheitsbeamten wohlbehalten in den Bahnhof und im Anschluss nach Hause gebracht. Doch noch lange Zeit später ist die Durchsage zu hören, dass es aufgrund eines Polizeieinsatzes zu Verzögerungen kommt.

Tja, da wurden wohl nicht nur neunundneunzig Schafe zurückgelassen und mussten sich gedulden, bis die drei kleinen verirrten Schäfchen in Sicherheit waren, denke ich und beobachte lächelnd die „guten Hirten“ mit den verdatterten „Schäfchen“ am Arm.

Die Autorin, 27, macht ein Praktikum in der Unfallseelsorge Murnau