Mein junger Glaube im Alltag: Draußen vor der Tür: Das Vorbild heiliger Magnus: Die Sprache Gottes

Unterwegs auf dem Jakobsweg
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„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Ein großes kirchliches Fest mit Festprediger, Kirchenchor und allem, was das katholische Herz begehrt. Die Messe ist vorbei, die Gemeinde strömt aus dem Gotteshaus. Am Kirchenportal sitzt eine Bettlerin. Manche werfen ihr im Vorbeigehen einige Münzen in den Korb. Andere beachten sie nicht. Ich versuche, ihr in die Augen zu schauen und sie zu grüßen, doch sie starrt mit einem leeren Blick ein Loch in die Luft. Ich schließe mich dem Festzug an Richtung Festwiese. Hähnchen werden gegrillt, die Blasmusik spielt, jeder versucht, schnellstmöglich einen Platz zu ergattern, wo er gut essen und trinken und auch noch das reiche Unterhaltungsprogramm gut verfolgen kann. „Wir können die Bettlerin doch nicht vor der Tür sitzen lassen und hier einfach feiern!“, meldet sich eine Stimme in mir. Doch eine andere Stimme sagt: „Du bist fremd hier, Elfriede, du kannst nicht den großen Gastgeber spielen.“ Die Stimme siegt und ich füge mich in die Menschenmasse ein. Später am Nachmittag werde ich den „wichtigen“ Menschen dieses Festes vorgestellt. Ich sitze in ihrer Runde werde herzlich aufgenommen, es wird geplaudert und gelacht. An einem anderen Tisch sehe ich eine Frau ganz alleine sitzen. „Sollte ich nicht besser bei ihr sitzen?“, meldet sich wieder eine Stimme in mir. „Sei froh, dass du hier so gut aufgenommen wirst, Elfriede, du kannst deine Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen!“, sagt die andere Stimme und ich bleibe sitzen. Doch das Gefühl bleibt, dass das noch nicht alles gewesen sein kann. Herr, schenke mir Mut!

Die Autorin, 27, ist Pastoralpraktikantin im Pfarrverband Graz Liebenau

Von dem heiligen Magnus kann man lernen, was es heißt, in einer Umbruchzeit die Frohbotschaft zu verkünden. Auf den Ruinen der römischen Zivilisation hat Magnus mit seiner Missionsarbeit und schließlich der Klostergründung in Füssen den Grundstein für einen religiösen und kulturellen Neuanfang im Alpenvorland gelegt. Wir stehen vor der Herausforderung, in den Ruinen der Christenheit das Evangelium zu leben und mit dem Licht des Glaubens das Dunkel des Bösen und des Aberglaubens zu bekämpfen. Zwei Aspekte des Wirkens des heiligen Magnus scheinen mir für uns heute von besonderer Bedeutung.

Der Legende zufolge war Magnus ein iro-schottischer Wandermönch, der von Sankt Gallen und Bregenz her ins Allgäu gewandert ist. Dort angekommen, so erzählt man sich, musste er zuerst die Sprache der Menschen lernen. Vor dem Hintergrund vieler Wundertaten, die Magnus auf dieser Wanderung und später in der Füssener Umgebung gewirkt hat, scheint dies ein unwichtiges Detail zu sein. Für mich ist es das Gegenteil: Er lernte die Ausdrucksweise seiner Zeitgenossen, um ihnen den Herrn nahezubringen. Er blieb nicht im Jargon der Wissenschaft, sondern nahm den Stallgeruch seiner Herde an. Er wusste, wenn seine Predigt Erfolg haben sollte, dann musste er die kulturellen, sozialen und bildungsmäßigen Unterschiede überbrücken. Er hat nicht davon geredet, der Nächste seiner Mitmenschen sein zu wollen, er ist es existenziell geworden und hat sich auf sie eingelassen. Dabei hat er klug erkannt, wie er das Evangelium zu predigen hatte. Er wirkte von der erfahrenen und geteilten Lebenswirklichkeit seiner Zeit aus. Christus zu lieben, nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit zu streben, führt nicht zur Weltfremdheit. Wer Christus kennt, für den ist die Welt kein Buch mit sieben Siegeln.

Das bewahrheitet sich in dem zweiten Aspekt des Lebens des heiligen Magnus. Weil er keinesfalls weltfremd war, konnte er seine Mitmenschen zu mehr Leben führen. Er führte den Abbau von Eisenerzen ein und erneuerte die Landwirtschaft durch Rodungen und Innovationen. Sein Blick über den Tellerrand dieser Welt hinaus hinderte ihn nicht, technischen Sachverstand an den Tag zu legen und handwerklich seinen Mann zu stehen. Das Vorbild des heiligen Magnus zeigt auf, wie das Wirken für das Evangelium die Menschen zu einem Mehr an Leben führt. Allerdings hat der Apostel des Allgäus nicht das gute Leben zum Kriterium seines Einsatzes gemacht, sondern die Wahrheit seiner Botschaft, an der er keine Abstriche zugelassen hat. Das unverfälschte Bekenntnis zu Christus war Quelle seines Engagements, keinesfalls das Schaffen einer materiellen und spirituellen Wohlfühlatmosphäre. Für Magnus war das Böse eine Realität, mit der man zu rechnen hatte.

„Wir wollen in unserer Zeit Magnus tatkräftig verehren und wir können dies am besten tun, wenn wir das Beispiel seines Glaubensmutes, seines tiefen Gottvertrauens nachahmen“ betete der Stadtpfarrer von Füssen auf der Prozession zu Ehren des Heiligen. „Das Wort Gottes, die Kraft des Kreuzes Jesu Christi, sie sollen auch in uns einen fruchtbaren Boden vorfinden, damit ein reichhaltiges Leben darauf aufblühe, das geprägt ist von Glaube, Hoffnung und Liebe, das dem Bösen zu widerstehen weiß und dem Guten verpflichtet ist. Seine Fürbitte am Throne Gottes ist uns gewiss, seine Glaubenskraft soll auch uns helfen, in den Wirren und Nöten unserer Zeit den rechten Weg zu Gott in dieser Welt zu finden, wie es uns Magnus vorgelebt hat. Er hat Gott nichts vorgezogen, ihm mit ganzer Kraft gedient und hat dadurch in seiner Zeit den Menschen Gottes Heil aufleuchten lassen. Wenn wir ganz Gott dienen, wird auch uns sein Heil geschenkt.“

Der Autor, 26, studiert Politikwissenschaften in Lyon

Eine meiner letzten Reisen führte mich in die „Goldene Stadt“ Prag. Auf unserer Liste stand auch eine Besichtigung des Veitsdomes, ein Gotteshaus von imposanter Statur, ab 1344 errichtet, eindrucksvoll in das Arrangement der Burganlage eingebettet. Doch das spätgotische Bauwerk war verschlossen. Nur zur Vesper, so ein Schild, sei der Zutritt gestattet. So betraten wir erst am späten Nachmittag den Dom, wo uns sogleich ein Sicherheitsbeamter anhielt und uns nur ungern passieren ließ. Ihm war nur schwer in den uns bekannten Sprachen zu vermitteln, dass wir die Vesper besuchen wollten. Irgendwie gelang es uns dann radebrechend doch noch, uns zu verständigen, in die kleine Seitenkapelle zu finden und dort einen Platz zu ergattern.

Der Raum füllte sich allmählich. Man merkte uns wohl gleich an, dass wir Fremde waren, derart, wie wir den Blicken der anderen Kirchgänger ausgesetzt waren und unbeholfen in den ausgeteilten Stundenbüchern herumblätterten. Unser angestrengtes Suchen wurde unterbrochen vom Läuten einer Glocke, die den Priester ankündigte, der den Raum in vollem Ornat betrat. Dazu gab ein altes Harmonium melancholische Klänge in einer unbestimmbaren Kirchentonart von sich und die Vesper begann mit einem auf Tschechisch vorgetragenen Hymnus. Ohne Mühe konnte ich dem Ablauf von Gebeten, Gesängen, Lesungen, Predigt und Fürbitten folgen, doch ich verstand nicht, was da gebetet wurde, ja noch furchtbarer: Ich war unfähig mitzubeten, da ich zunächst die entsprechenden Stellen im Stundenbuch nicht finden konnte und, nachdem mich mein Banknachbar in sein Gebetsbuch blicken ließ, über die schwierig auszusprechenden Laute der tschechischen Sprache schier zu verzweifeln begann.

Ich war traurig darüber, dass mir dieses Geschehen so unverständlich blieb, und ich so sprachlos und ohnmächtig teilnehmen musste. Doch zugleich war ich auch verzaubert und zutiefst bewegt von dieser Welt aus Riten und Zeichen inmitten dieses ansonsten sehr säkular vonstatten gegangenen Urlaubs. Meine Euphorie wuchs, als man sich abschließend zum gemeinsam auf Latein gesungenen „Salve Regina“ erhob, in das ich nun auch endlich miteinstimmen konnte. „Leben, Lieblichkeit und Hoffnung“ (wie es dort über die Gottesmutter heißt) wurden mir mit einem Schlage wieder gewahr. Urplötzlich begriff ich, dass ich mich getäuscht hatte. Ich verstand sehr wohl die liturgische Sprache, sie hatte mich vollends ergriffen, obwohl es mir versagt blieb, die Bedeutung der gehörten Worte in alltägliche Sprache zu übersetzen. Ich wusste nun, wenn Deutsch meine Muttersprache ist, so sind die Worte und Gesten des Gottesdienstes meine Vatersprache, von der ich mich im Herzen bewegen lasse.

Der Autor, 21, studiert Katholische Theologie in München