Mein junger Glaube im Alltag: Das Monopol auf Anstand

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Die Reaktionen auf die Anschläge in Paris haben eine eigenartige Atmosphäre in Frankreich geschaffen. Um den Islam nicht zu stigmatisieren, sprachen sich Vertreter der politischen Eliten allgemein gegen Obskurantismus, Barbarei und Fanatismus aus. Auch manche Freunde, die sonst mehr Fähigkeit zu Nuancen an den Tag legten, forderten das Verbot aller Religionen. Religionen könnten ihnen zufolge nur zu Gewalt führen. Für viele Franzosen war die Verteidigung der Laizität ein wesentliches Anliegen in den Reaktionen auf die Anschläge. Mich haben diese Ausbrüche von Aufklärungsrhetorik betroffen gemacht. Wie können intelligente Menschen annehmen, Religion an sich würde Menschen gewaltbereit machen?

Verstärkte Laizität in den Schulen ist für die französische Öffentlichkeit die einzig richtige Antwort auf den Terrorismus. Unter diesem Schlagwort finden so ziemlich alle Strömungen ihren Platz: für die einen ist die Laizität das respektable Mäntelchen, das man der Islamophobie umhängt, für die anderen der Motor von Republik und Aufklärung, der endlich allen Menschen die Vernunft bringen soll. Tatsächlich betrifft die Laizität, wenn man das Gesetz von 1905 liest, den Staat und nicht die Bürger. Der Staat wird von den Religionsgemeinschaften getrennt und nicht der einzelne Bürger. Die Konflikte um die Laizität, die mit der Schleier-Affäre von Creil im Jahre 1989 begannen, sind als Folge dieser Erweiterung des Gesetzes zu verstehen. Manche Elemente der französischen Eliten hängen immer noch dem Traum an, eine „Religion der Republik“ verkünden zu müssen. Ob eher rechts oder links, sie stehen alle in der jakobinischen Tradition. Wie wäre es, wenn der Staat endlich die Laizität auch auf diese „Religion“ ausdehnen könnte? Nicolas Sarkozy hatte am 20. Dezember 2007 versucht, die „Religion der Republik“ zu entzaubern und gestand den Religionen in seiner Rede in der Lateran-Basilika eine gewichtige Rolle für die Wertevermittlung zu. Der Aufschrei war riesig. Er hatte gesagt, dass der „Lehrer niemals den Pfarrer oder den Pastor ersetzen könnte, wenn es um Wertevermittlung und die Unterscheidung von Gut und Böse geht“. Aber genau die öffentliche Schule sollte der Transmissionsriemen sein, um die „Religion der Republik“ in die Gesellschaft zu vermitteln. Das ist weitgehend gelungen. Damit hat der Mythos von der religiösen Gewalt sein republikanisches Plazet erhalten, denn der Staat schweigt nicht über die Religionen seiner Bürger, sondern behandelt diese im Geschichtsunterricht, natürlich von seinem eigenen Standpunkt aus. Die Laizität ist dort Fluchtpunkt der Geschichte. William T. Cavanaugh hat in seinen Arbeiten über Religion und Politik darauf hingewiesen, dass es kein Gemeinwesen ohne ein Glaubenssystem geben könne. Dabei hat er den „Mythos von der religiösen Gewalt“ als säkulare Ideologie entlarvt, die Religion als irrational und gewalttätig definiert, um das vorgeblich rationale staatliche Gewaltmonopol zu begründen. Tatsächlich ist bislang niemand in der Lage gewesen zu definieren, was an religiöser Gewalt wirklich religiös ist. Die Unterscheidung läuft also nicht zwischen Laizität und Religion, zwischen Aufklärung und Obskurantismus, zwischen Vernunft und Fanatismus, sondern zwischen anständigen und unanständigen Menschen.

Die Laizität ist in der Tat keine simple Trennung von Staat und Kirche. Sie ist ein blinder Fleck für das Christentum. In diesem Sinn muss man sie als die gezielte Nichtachtung der Religionsgemeinschaft, die traditionell mit Frankreich und seiner Geschichte verbunden war, verstehen. Diese Ignoranz beschränkt sich nicht nur auf die französischen Katholiken: Als die Ermordung der 21 koptischen Christen bekannt wurde, bedauerte Präsident Hollande den Tod von 21 ägyptischen Staatsbürgern, ohne ein Wort zu verlieren, dass diese als ägyptische Christen Opfer des Terrorismus wurden. Einerseits scheint die Regierungsmehrheit bemüht, mit aller Kraft die christlichen Wurzeln des Landes zu kappen. Andererseits bedauert sie Barbarei und Unmenschlichkeit, zu der diese wiederholten Traditionsbrüche führen. Wenn die vorpolitischen Grundlagen des Staates derart unterhöhlt werden, ist es um die Demokratie auch nicht mehr gut bestellt.

Der Autor, 27, studiert Politikwissenschaften in Lyon