Mauerfall: Bildungsprojekt der katholischen Solidaritätsaktion Renovabis: Wichtig und nachahmenswert

Zu „Das Wunder des Mauerfalls“ (DT vom 15. Juli): Ich halte solche Projekte im schulischen Rahmen wie dieses von Renovabis für wichtig und nachahmenswert. Ich hoffe, dass sich das Engagement und die Entdeckungslust der Schülerinnen und Schüler auf ihre Altersgenossen motivierend auswirken werden, wenn sie dieses Buch in die Hand bekommen. Die freiheitlichen Demokratien bauen auch auf das Urteilsvermögen ihrer Bürgerinnen und Bürger auf. Daher ist es von großer Bedeutung, dass die Schule zur Entfaltung dieses Urteilsvermögens beiträgt.

Der curriculare schulische Geschichtsunterricht ist oft nicht imstande, ein richtiges Gespür zum Vergangenen zu vermitteln: vieles bleibt abstrakt und allgemein, sodass das anfängliche spontane Interesse der Jugendlichen an der zum Teil erlebten, zum Teil verdrängten Vergangenheit ihrer Verwandten und Vorfahren leicht nachlässt. Dies kann auch zu einer allmählichen Entwurzelung und einer wachsenden Anfälligkeit für Pauschalisierungen und instrumentalisierte Rückwärtsprojektionen auf Vergangenes führen (wie zum Beispiel „In der DDR war es besser, weil jeder einen Job hatte“).

Oral-History-Projekte können da aber Abhilfe schaffen und die Schüler erleben lassen, dass jeder Geschichte aktiv mitgestaltet. Da kann man selber etwas entdecken und zudem auch viel Empathie entwickeln. Man kann Stück für Stück erfahren, wie wichtig Gründe und Hintergründe sind und vor allem, dass man nie allgemeine Aussagen zu Gruppen von Menschen kritiklos akzeptieren darf. Ich hoffe nur, dass man nicht bei der jüngeren Vergangenheit stehen bleibt.

Es wäre meines Erachtens erfreulich, wenn Schüler auch ihre Großeltern befragen würden, was diese in ihrer Kindheit in der Not unter anderem bei Flucht und Vertreibung erlebt haben. Die heutigen Jugendlichen könnten vielleicht besser begreifen, dass schreckliche ethnische Konflikte wie etwa im Nahen Osten, in Afrika oder in Srebrenica nicht so ganz weit weg von uns sind, wie sie zunächst denken.