Liebe im Scheitern

Einkaufen an Heiligabend
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In der französischen Klosterkirche Vézelay lassen sich viele romanische Kapitelle bewundern. Kunstvoll zeigen sie Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, manchmal mit ein klein bisschen Witz, manchmal erschreckend, manchmal einfach nur schön. Eines dieser Kapitelle fällt aus dem Muster. Es zeigt keine Szene, die in der Heiligen Schrift geschildert wäre – nicht ganz. Zu sehen ist Judas. Er hat sich erhängt, nachdem er Jesus seinen Scharfrichtern ausgeliefert hat. So weit, so gut. Wendet man den Blick, sieht man aber auch Jesus. Er nimmt Judas vom Baum ab und legt ihn sich über die Schultern. Beinahe zärtlich, liebevoll auf jeden Fall, wachrüttelnd.

Was ist denn wirklich dargestellt? Ein Mensch, der gescheitert ist, der das Undenkbare getan und sich in seinem Selbstmord noch einen weiteren Schritt von Gott entfernt hat. Er hat nicht auf die Barmherzigkeit Gottes vertraut, er hat sein Leben verwirkt. Wirklich? Jesus trägt ihn aus dem Bild. Wohin? Man weiß es nicht. Der Gestus aber zeigt deutlich, dass dieser liebevolle und barmherzige Christus ihn nicht in die ewige Verdammnis trägt. Vielmehr in das ewige Licht. Kurz: Jesus hat Erbarmen mit dem gescheiterten Menschen.

In unserer Kirche sprechen wir augenblicklich sehr viel über gescheiterte Menschen. Sehr oft unbarmherzig, sehr oft hart, meistens ohne Verständnis. Wir sprechen über Ehen, die – trotz eines Versprechens – nicht für immer gehalten haben, die den selbst gewählten Lebensentwurf nicht ein Leben lang durchhalten konnten. Ich möchte hier nicht Geschiedene mit Judas gleichsetzen – bei weitem nicht, natürlich. Aber manchmal kann man in unserer Kirche den Eindruck bekommen, es handle sich nun eben doch um etwas sehr ähnliches. Menschen scheitern. Sie tun das, seit es sie gibt. Unsere Bibel kann mit gutem Recht als eine große und lange Geschichte des Scheiterns gelesen werden, begonnen bei Adam und Eva, die sich nicht an Gottes Vorgaben hielten, bis hin zu den Paulusbriefen, in denen der Apostel immer wieder mit Gemeinden ins Gericht geht, die dem hohen Anspruch eines christlichen Lebens nicht gerecht werden konnten, die scheiterten. Die Bibel könnte also schon nach den ersten Seiten ein Ende finden. Tut sie aber nicht. Die Geschichte geht weiter, weil Gott selbst das menschliche Scheitern auffängt, vergibt, in seinem Licht wandelt. Ich glaube, das sollte unsere Kirche bedenken. Wir brauchen eine starke und kraftvolle Rhetorik der Liebe und Barmherzigkeit. Eine Rhetorik wie in Vézelay, eine Rhetorik, die zeigt: In jedem Scheitern des Menschen bleibt Gott gegenwärtig. Er geht nicht, er wendet sich nicht ab. Er bleibt. Weil er die Menschen liebt – so sehr, dass er sogar den eigenen Verräter vom Baum des Selbstmordes abnimmt und auf seine Schulter lädt. Ihn da trägt, wo er selbst nicht mehr stehen kann.

Der Autor, 20, studiert Katholische Theologie in Regensburg