Konservative gegen Progressive und umgekehrt: Bringt uns das weiter?: Mission wäre der eigentliche Auftrag

Seit ein paar Jahren habe ich die „Tagespost“ abonniert und lese immer wieder ihre engagierten Leserbriefe. Dabei fällt mir auf, dass es sehr oft um konservative versus progressive Ansichten geht. Da wird nicht nur sachlich argumentiert, man wird dabei auch gerne mal polemisch oder gar aggressiv gegenüber der „anderen Seite“. Keine Frage, es geht oft um wichtige Themen, die nicht ignoriert werden sollten. Nur, so wie die Diskussion geführt wird, bringt sie uns nicht weiter. Jede Seite fühlt sich im Recht. So verhärten sich die Fronten und wir Christen verpassen wieder einmal eine Gelegenheit zur Einheit.

Zugegebenermaßen, zurzeit herrscht in unserem Land ein leicht rauer Wind für uns Katholiken: Die Menschen treten reihenweise aus den Kirchen aus, die Gesellschaft und damit auch die Politik, die Gesetze, die Medien, die Kultur und die Erziehung basieren immer weniger auf christlichen Werten. Viele „Meinungsführer“ unseres Landes verpassen keine Gelegenheit, unserem Kirchenoberhaupt eins „auszuwischen“.

Ich möchte ihnen heute etwas Erfreuliches erzählen: Von 2001 bis 2008 habe ich die IME in Altötting geleitet. Die IME ist eine Evangelisationsschule, die – stark verkürzt – junge Erwachsene aus der ganzen Welt zu „Laienmissionaren“ ausbildet. Die IME hat zum Ziel, jungen Leuten ein Fundament für das Leben mitzugeben, basierend auf Bildung, Gebet, Gemeinschaft und Evangelisation. Über Letztere möchte ich schreiben, weil ich in den letzten sieben Jahren, Kirche mal ganz anders erlebt habe.

Da wo wir gefragt wurden, haben wir Missionen in Pfarreien, Schulen und Städten vorbereitet und durchgeführt, immer zusammen mit einer Pfarrei, deren Gemeindemitglieder bereit waren, mit uns auf die Straße, in die U-Bahn, in die Schulklassen, Krankenhäuser, Kneipen und Diskotheken zu gehen. Ziel dieser Aktionen war es, die Menschen – und ganz besonders die „Fernstehenden“ – für den Glauben an Jesus Christus und seine Kirche zu begeistern.

Was wir da erlebten, lief immer nach dem gleichen Schema: Vor der Mission war alles schwierig: Die Organisation mühsam, die Skepsis groß, zwischenmenschliche Spannungen, Angst etc. Während der Mission, nach einer kleinen Überwindungsphase, die sich durch die intensive Vorbereitung im Gebet bewältigen ließ, ein absolutes „Aha-Erlebnis“: Sehr viel Freude, tiefe Gespräche, großes Staunen darüber, dass Mission möglich ist, dass es Früchte bringt, dass die Menschen viel offener sind, als man es vermutet, dass wir in aller Armut unser Bestes gaben und dass Gott Wunder vollbringt. Wer das mal miterlebt hat, der weiß, dass „Mission vor Ort“ für einen selber sehr gnadenreich sein kann. Was ich in solchen Zeiten erlebt habe, trotzt jeglicher Logik: Viele Menschen, die ich innerlich schon „abgeschrieben“ hatte, haben zum Glauben gefunden, oder ihn wiedergefunden. Viele haben ihren Gräuel gegen Papst und Kirche oder gegen Gott selbst begraben und haben Heil in der Versöhnung, in den Sakramenten gefunden. Neue Hoffnungen wurden geweckt, da wo absolute Hoffnungslosigkeit herrschte. Ich könnte ein Buch schreiben über alle Erlebnisse.

Warum erzähle ich das? Weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass es höchste Zeit wird, dass wir wieder lernen, missionarisch zu werden. Unsere Kirchen sind leer? Na dann los! Warum sind dann die Handvoll an übriggebliebenen Katholiken nicht auf den Straßen und Plätzen des Gemeindegebiets? Unsere Klöster sterben aus? Warum sind dann Mönche und Klosterschwestern nicht überall unterwegs und verkünden das Evangelium? Was haben denn der Heilige Franziskus oder Johannes vom Kreuz und alle anderen gemacht? Sind sie nicht von Dorf zu Dorf marschiert und haben sie nicht auf den Plätzen der Städte gepredigt? Warum sieht man das heute nicht mehr? Dabei war Franziskus nicht einmal ein gelehrter Theologe. Er hatte ein brennendes Herz für die Armen, aber auch für die, die Gott noch nicht kannten.

Ein Stuhl zum hinaufsteigen, eine Bibel in der Hand und es kann losgehen. Und wenn die eigenen Worte einem arm erscheinen, garantiere ich Ihnen, sie treffen doch jedesmal die Herzen. Dafür sorgt schon der liebe Gott. Jugendliche machen das mit großem Erfolg. Sie begeistern andere Jugendliche, die sich dann bekehren. Automatisch? Nein, natürlich nicht. Aber zumindest bekommen sie die Chance dazu, weil einige junge Christen sich nicht zu schade sind, ihnen das Evangelium zu bringen. Was die Menschen dann daraus machen, das ist eine Sache zwischen Gott und ihnen. Eines ist aber sicher: Die Menschen auf der Straße, in den Geschäften, in den Büros, in den Fabriken, egal, ob Katholik, Protestant, Moslem, Jude, Esoteriker oder Atheist: Alle haben das Recht, Christus kennenzulernen. Woher sollen sie ihn kennenlernen, wenn nicht durch uns?

Die Menschen sind oft gegen die katholische Kirche, weil sie uns nicht mehr verstehen. Sie haben auch ihre Geschichte und sind geprägt durch allerlei Dinge. Auch unter uns Katholiken ist der Bildungsstand ganz unterschiedlich. Es gibt aber nicht die gute katholische und die böse Außenwelt. Die Menschen sind nicht besser und nicht schlechter als wir. Heutzutage werden die wenigsten christlich erzogen. Glaube aus Gewohnheit (weil es immer schon so war!), das gibt es nicht mehr. Glaube muss erfahrbar gemacht werden. Und das ist möglich, es liegt an uns, es zu tun. Wenn wir es nicht tun, dann werden wir vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.

Die Menschen sind so weit weg vom Glauben. Ihnen ist alles Kirchliche so fremd. Sie können aber nichts dafür, sie tragen keine Schuld. Wir versündigen uns, wenn wir den Glauben geschenkt bekommen haben und ihn nicht weitergeben. Der Empfang des Heiligen Geistes in den Sakramenten ist keine „Wellness-Kur“. Der Heilige Geist ist uns geschenkt für die Mission. Ich habe so oft und so konkret in den letzten sieben Jahren erleben dürfen, wie er wirkt. Zum Evangelisieren braucht man keine besondere Begabung. Unsere Studenten der IME konnten oft nur gebrochen Deutsch. Sie haben dann evangelisiert mit Händen und Füßen, mit liebevollem Zuhören oder Helfen, mit Musik oder was auch immer. Oft sind auch ältere Leute mitgegangen.

Wir sollten nicht darauf warten, dass wir dafür besonders begabt, oder dass wir besonders heilig sind. Wenn wir darauf warten, dann werden wir nie etwas tun. Von einem kämpferischen politischen Engagement halte ich nicht viel. Wenn die Gesellschaft unsere Werte nicht mehr versteht und wenn der praktizierende Katholik als Wählerpotenzial nicht mehr ernst genommen wird, dann werden auch engagierte Artikel, Briefe, Rundmails, Unterschriftenaktionen und sonstige Initiativen nichts daran ändern. Soviel politischen Realismus müssen wir Katholiken schon haben: Man gewinnt vielleicht mal eine kleine „Schlacht“, die man aber ein paar Jahre später doch wieder verliert. Warum? Weil wir den gesellschaftlichen „Entchristianisierungsprozess“ nicht aufhalten können. Noch viel kontraproduktiver ist die gegenseitige Schuldzuweisung: Konservative versus progressive Katholiken...

Nur durch Mission werden wieder christliche Politiker, Manager, Banker, Arbeiter, Lehrer, Künstler, Journalisten usw. unsere Gesellschaft prägen und mit aufbauen. Stehen wir also auf und gehen wir liebevoll auf die Menschen zu, seien wir stets bereit, zuzuhören und – wenn es opportun ist – dann geben wir Zeugnis von unseren Glauben! Lassen wir uns von Gott ein brennendes Herz für unsere Welt schenken! Wir können natürlich auch dasitzen und tatenlos zuschauen, wie unsere christliche Welt untergeht. Wir haben aber einen Riesenschatz. Wir sind geboten, diesen weiterzugeben und in der ganzen Welt zu verkünden. Die Menschen dürsten danach.