„Im Kampf gegen das Böse“: Zum Tod des bekannten Exorzisten Pater Gabriele Amorth: Ausgehöhlte Gebete

Es ist Alexandra von Teuffenbach für den einfühlsamen Nachruf auf Pater Gabriele Amorth zu danken (DT vom 24. September). Allerdings wurde ein nicht ganz unwichtiger Aspekt seines Wirkens nicht erwähnt. Dieser hängt mit der Frage zusammen, was die Kirche überhaupt unter einem Exorzismus versteht. Zur Tätigkeit des Exorzisten schrieb Von Teuffenbach korrekt: „Im Namen Jesu Christi und mit der ihm von der Kirche vermittelten Kraft – nicht aus seiner eigenen Kraft heraus! – befiehlt er dem Bösen, dem Teufel, den Menschen zu verlassen, ihn in Ruhe zu lassen, nicht länger zu quälen.“ Diese Definition trifft jedoch nicht mehr auf die Praxis zu, mit der heute jenes Sakramentale der Kirche oft gehandhabt wird. Und dabei ist ein echter Exorzismus im klassischen Sinn, wie P. Amorth stets aus seiner praktischen Erfahrung heraus betont hat, leider in unserer gottlosen Zeit immer wichtiger geworden und wird allein in Europa von Tausenden von Menschen in ihrer Notlage erbeten!

Was die Kirche hierunter immer verstanden hat, kann man noch in der zweiten Auflage des „Lexikon für Theologie und Kirche“ nachlesen: „Ein im Namen Gottes (Jesu) an den Teufel gerichteter Befehl, Menschen oder Gegenstände zu verlassen bzw. sie in Ruhe zu lassen.“ (LThK 3/1959, 1314, s. v. Exorzismus) Und genau so sahen auch die Riten des Exorzismus in der alten Kirche aus: „Ihr wesentlicher Inhalt besteht in einem beschwörenden Bedrohen des Satans, in einem an ihn gerichteten Befehlen (Otto Böcher, Exorzismus II, TRE 10/1982, 752).“ Im Ritenbuch für den Exorzismus aus dem Jahre 1999 lautet die Definition hingegen so: „Wenn die Kirche öffentlich und autoritativ im Namen Jesu Christi darum bittet, dass eine Person oder ein Gegenstand gegen den Einfluss des Bösen beschützt und seiner Herrschaft entrissen wird, spricht man von einem Exorzismus.“ Dieselbe neue Begriffsbestimmung findet sich auch im „Katechismus der Katholischen Kirche“ (Nr. 1673). Dementsprechend werden rein deprekative Gebete (die es natürlich auch immer gegeben hat), bei denen Gott um die Befreiung vom Bösen gebeten wird, heute als Exorzismus ausgewiesen und für den Gebrauch empfohlen. Dabei kann, wie ausdrücklich im neuen Ritual erklärt wird, von imperativen beziehungsweise imprekativen Formeln ganz abgesehen werden, bei denen der Teufel direkt angesprochen wird (Praenotanda Nr. 28). Letztere Beschwörungen werden hingegen wie selbstverständlich noch in den orientalischen Kirchen verwendet.

Die Einrichtung echter exorzistischer Formeln im überlieferten Sinn kannte in Zusammenhang mit der Taufe nachweisbar schon die „Traditio apostolica“ (Kap. 21), jene Kirchenordnung, deren Wurzeln zumindest aus der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts stammen. Sie lässt den Spender des Sakramentes beschwörend sagen: „Jeder böse Geist weiche von dir.“ Der einzige Unterschied zur späteren römischen Praxis besteht darin, dass hier der Dämon in der dritten Person angeredet wird, statt direkt in der zweiten Person zum Ablassen vom Täufling aufgefordert zu werden. Übrigens sind auch die früher bei der Taufe verwendeten Exorzismen heute in einer erschütternden Weise ausgehöhlt. In der päpstlichen Generalaudienz vom 15. November 1972 machte Papst Paul VI. hierzu ein erstaunliches Eingeständnis: „Die Taufe: Man hat jetzt die Exorzismen gekürzt; ich weiß wirklich nicht, ob das eine sehr realistische und sehr gelungene Sache ist.“ (Zitat nach: Gabriele Amorth, Neue Berichte eines Exorzisten, Stein am Rhein 1998, 78)

Und diese Änderung des Wesens der Exorzismen ist keine Kleinigkeit! Zusammen mit verschiedenen anderen Abweichungen vom traditionellen Ritual der Kirche hat sie erhebliche Folgen. P. Amorth, der das Vertrauen der Päpste genoss, also alles andere als ein eigenbrötlerischer Querkopf war, wurde von Stefano Maria Paci die Frage gestellt: „Das heißt also, dass Ihnen das neue Ritual in Ihrem Kampf gegen den Teufel überhaupt nichts nützt?“ Hierauf antwortete der jetzt Verstorbene: „Ja. Man hat vorgezogen, uns eine Waffe zu geben, die nicht geladen ist. Wirksame Gebete wurden gestrichen, Gebete, die es seit zwölf Jahrhunderten gab – dafür wurden neue geschaffen, die völlig ineffizient sind.“ (Exorzisten und Psychiater, Stein am Rhein 2016, 242) Gott sei Dank, so fuhr P. Amorth fort, wurde auf Initiative der Kardinäle Ratzinger und Medina auch noch der traditionelle Exorzismusritus erlaubt. Freilich müssen den die Diözesanbischöfe eigens genehmigen, was so manchem vermutlich eher schwerfallen wird.