Heilig-Rock-Wallfahrt und die Frage nach der ökumenischen Dimension : Keine Empathie für katholische Tradition

Jetzt mit Ende der Heilig-Rock-Wallfahrt, die ich selbst besucht habe, will ich mit etwas Abstand zu dem Interview zu Beginn der Wallfahrt mit der evangelischen Oberkirchenrätin Barbara Rudolph „Eine befruchtende Zumutung“ (DT vom 12. April) meine Gedanken äußern.

In dem Interview offenbaren sich eklatante Unterschiede in der Weise, wie Glaube bei Katholiken und bei evangelischen Christen gelebt wird oder auf welch unterschiedlichen Ebenen Emotionen oder das Herz eine Rolle spielen. Lassen sich evangelische Christen im Glauben überhaupt emotional ansprechen? Frau Rudolph offenbart neben der offensichtlich völlig fehlenden Bereitschaft oder der von Herzen kommenden Fähigkeit, sich von Reliquien ansprechen zu lassen, ebenso erstaunliche Wissenslücken in der Frage, was oder wen Katholiken feiern. Wir feiern oder verehren, oder etwa beten an, eben nicht ein Gewand oder einen anderen Gegenstand, sondern allein Jesus Christus beziehungsweise den Dreifaltigen Gott.

Auf ihrem Weg Richtung Santiago de Compostela habe sich Frau Rudolph auf sich selber konzentriert, sagte sie, Stichworte „Erfahrung der Entschleunigung“ oder „Besinnung auf die eigenen Kräfte“. Von einem möglichen Weg zu Christus selber, der über das Nachdenken des Lebens und Wirkens des Heiligen Apostels Jakobus oder über das Nachsinnen über die Frage führt, wie ich selber heute Apostel sein und den Herrn und seine Botschaft verkünden könnte, keine Spur. Und genauso nüchtern nähert sie sich der Trierer Reliquie.

Frau Rudolph verwendet die Bezeichnung „Geschwister“, wenn sie von uns Katholiken spricht. Geschwister haben immer noch in der Regel eine Mutter und einen Vater. Sie sind Mitglieder einer Familie, die ein gemeinsames Zuhause haben und die immer, auch über das Selbstständigwerden der Kinder hinaus, eine enge, auf Liebe gegründete Gemeinschaft bilden, so der Idealfall. Beim „Vater“ für uns Christen können wir uns, wenn wir an Gott, den himmlischen Vater denken, recht schnell einigen. Schon schwieriger würde es in der Ökumene, wenn wir an den Papst denken, den wir Katholiken mit dem so wunderbaren Namen „Heiliger Vater“ ansprechen. Die Mutter wäre folgerichtig die Gottesmutter. Aber auch sie ist für das Gelingen des eigenen Lebens jedes evangelischen Christen nicht wichtig, da diese sich, wie mir vor Jahren eine praktizierende evangelische Christin, Tochter eines Pastors, freudig bestätigte, direkt an Christus wendeten, eine Fürsprache oder eine Vermittlung nicht benötigten. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie die Reaktionen ausfallen würden, wenn wir von der Kirche als Mutter sprächen.

Frau Rudolph hat Recht, wenn sie von dem Leitwort „und führe zusammen, was getrennt ist“ von einem Gebet spricht. Aber sofort, wenn sie das Anliegen, die Gemeinschaft der Kirchen wieder herzustellen, als untergeordnet oder zumindest als lediglich eines von vielen anderen Themen sieht, entzieht sie sich unmissverständlich dem Werben der katholischen „Geschwister“, um ihr eigenes Wort zu verwenden, und des Papstes, tatsächlich und ganz konkret an der Wiederherstellung der Einheit der Kirche mitzuarbeiten und für diese zu beten. Für uns Katholiken ist der Papst nicht nur Sinnbild der Einheit der Kirche, sondern er ist Stellvertreter Christi, der eine Kirche gegründet hat, deren Haupt er ist, und deren Glieder wir Katholiken sind – so können wir jedenfalls in der Heiligen Messe zusammen mit dem Papst und der Kirche weltweit beten. Eigentlich sollten dies alle Christen tun, ohne Unterscheidung in katholisch oder evangelisch. Wie schmerzt es doch, hiervon nicht selbstverständlich sprechen zu können!

Relativierung aber, und das ist bei den Worten von Frau Rudolph hier der Fall, senkt die Bedeutung eines Anliegens herab. Dass Frau Rudolph in ihrer Aufzählung der zu überwindenden Probleme auch den Punkt der „(...) Ungerechtigkeit der Geschlechter (...)“ nennt, lässt mich daran denken, dass dies ein kleiner Pfeil in Richtung der Diskussion über das Frauenpriestertum in der katholischen Kirche sein könnte.

Ein ganz wichtiger Abschnitt in dem Interview, der die Gedankenwelt von Frau Rudolph als Person und als evangelische Christin (und von wie vielen evangelischen Christen in Deutschland?) offenbart, ist ihre Antwort auf die Frage nach dem möglichen (Aus-)Verkauf der protestantischen Identität bei Teilnahme an der Wallfahrt. Die Einladung zur Teilnahme an der Wallfahrt stand unter dem Motto, „und führe zusammen, was getrennt ist“. Die Interpretation der Einladung durch Frau Rudolph zeigt in meinen Augen ein glattes Missverständnis. Statt die Reliquie als Symbol der Einheit aller an Christus Glaubenden zu sehen und zu versuchen, einmal selber auf dem Wege der Ökumene eigene Standpunkte oder Traditionen zu hinterfragen, oder auch nur zu ergründen versuchen, warum Katholiken so begeistert zu der Heilig-Rock-Reliquie pilgern, wie sie auch sonst gerne pilgern, nach Santiago de Compostela oder nach Altötting, spricht Frau Rudolph davon, als Eingeladene mit ihrem „evangelischen Bekenntnis“ präsent zu sein, das keinen „emotionalen“ oder „theologischen, allenfalls einen historischen Zugang“ habe. Für Frau Rudolph habe erst die Aufhebung der Bulle von Papst Leo X. die Möglichkeit eröffnet, keinen Gegenstand, sondern Jesus Christus zu feiern. Wenn nun eine Einladung eine „Zumutung“ sein soll, auch wenn sie befruchtend sein soll, dann weiß ich nicht, wohin die Ökumene führen soll. Und wenn die eingeladenen evangelischen Christen ihre katholischen „Geschwister“ dann mit Reliquienkritik überziehen, die entsprechende Zumutung von evangelischer Seite aus, dann drängt sich mir die Frage auf, was jene unter Gastfreundschaft und Aufeinanderzugehen verstehen. Frau Rudolph spricht in diesem Abschnitt auch davon, beide Seiten könnten „im besten Falle“ von der Tradition des anderen lernen. Was aber bitte ist im Zusammenhang mit „Wallfahrt“, die von Frau Rudolph durch das „Pilgern“ ersetzt wird, die Tradition auf der evangelischen Seite? Lourdes oder Santiago de Compostela, zu denen durchaus auch evangelische Christen pilgern, sind katholische Wallfahrtsorte, die ganz grundsätzlich allen Christen und Menschen guten Willens offenstehen.

In einem anderen Interview im Zusammenhang mit der Trierer Wallfahrt, nämlich mit Wallfahrtsleiter Prälat Georg Bätzing in der „Pilger Zeitung“ Frühjahr 2012 als Beilage der „Die Tagespost“, ist zu lesen, dass jener (nicht nur er) sich viel Mühe damit gegeben habe, in Planung und Vorbereitung der Wallfahrt alles herauszufiltern, was Christen anderer Konfessionen möglicherweise „anstößig“ finden könnten. Hier kann er eigentlich nur an die evangelischen Christen gedacht haben, denn zum Beispiel orthodoxen Christen ist das Beten vor Reliquien selbstverständlich und Teil ihres Glaubenslebens. Was aber könnte an einer Wallfahrt im Allgemeinen und an der Heilig-Rock-Wallfahrt im speziellen „anstößig“ sein und warum müssten wir Katholiken dann darauf verzichten? Was für ein Verständnis von Ökumene steckt hinter einer solchen Aussage beziehungsweise was für eine auf der anderen Seite möglicherweise latent verspürte Aversion gegen katholische Gepflogenheiten?

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich einen Leserbrief zu dem besagten Interview mit Frau Rudolph schreiben sollte oder nicht. Und wenn ja, was sollte ich sagen? Er soll ja auch nicht rüde oder überheblich wirken. Aber ich bin in Trier gewesen. Bei unserer Ankunft am frühen Nachmittag sind wir wegen des immensen Andrangs vor dem Dom zunächst als Beter in das Gotteshaus gegangen und fanden in dem Seitenschiff auf Höhe der Reliquie Platz. Obwohl Hunderte und Tausende lange auf den dann nur kurzen Augenblick warten mussten, an dem sie einen Blick auf die heilige Reliquie werfen konnten, herrschte eine erstaunliche Ruhe. Wir hatten Gelegenheit, denn ich selber betete nicht nur, sondern schaute auch fasziniert auf die Pilgerschar, die Andacht, den Ernst, den Glauben, das beinahe kindliche Vertrauen, mit dem einzelne Pilger ihre Hände oder einen Rosenkranz auf die Glasscheibe legten, zu beobachten. Hoffende Erwartung, Vertrauen und Glaube waren in vielen Gesichtern der Wallfahrer zu sehen und zu spüren. Am späten Nachmittag sind wir nach Mittagessen und Stadtbummel wieder zum Dom zurückgekehrt und hatten ihn mit der ausgestellten Reliquie beinahe für uns alleine. Ich habe mich mehrfach in die kurze Warteschlange eingereiht und konnte lange vor dem Heiligen Rock verweilen. Diese Momente waren sehr intensiv und emotional, meine Empfindungen behalte ich für mich.

Ich denke nur daran, wie arm diejenigen Menschen sind, egal, ob evangelische Christen, die, wie Frau Rudolph, „allenfalls einen historischen Zugang zum Heiligen Rock“ haben, oder der Kirche und dem Glauben fernstehende Menschen, denn auch solche sind am Abend, nach Ende des samstäglichen Einkaufsbummels, in den Dom gekommen, aber wohl eher aus Neugier, die sich nicht von dem Glauben oder der Vorstellung begeistern lassen können, dass das Gewand vielleicht tatsächlich einmal den Leib Christi bedeckt haben könnte. Frau Rudolph wünsche ich, ihr Herz für die kleinen und großen Zeichen und Wunder zu öffnen, die uns helfen, immer fester zu glauben und Christus immer mehr zu lieben, aber bitte mit ein wenig mehr Emotionen und Gefühl.

Was die Ökumene und das gemeinsame Ringen und Beten um die Einheit der Christen angeht, kann ich nach der Lektüre des meinem Brief zugrunde liegenden Interviews nur sagen, dass die evangelische(n) Kirche(n) sich unbedingt bewegen muss(en). Es fällt mir schwer, diesen Ton und das völlige Fehlen einer auch nur angedeuteten Bereitschaft, sich mit den Traditionen und dem Wesen der katholischen Kirche auseinanderzusetzen, ohne Kritik anzunehmen.