Heile Welt?

Nicht Staub sondern Leben
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Fünf Prozent Arbeitslosigkeit, stabile Demokratie, soziale Absicherung, ein Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums, kostenlose Bildung, Frieden – eigentlich leben wir hier in Mitteleuropa in einer ziemlich heilen Welt. Eigentlich haben wir allen Grund, uns zu freuen und Gott für unser Leben zu danken. Doch wer heute gerade in die Gesichter junger Menschen schaut, der merkt, dass in dieser Welt nicht alles heil und heilig sein kann. Vielleicht sind wir heute sogar unzufriedener als unsere Großväter in Zeiten tiefer Krisen. Studien sprechen für diese Vermutung. So leiden heute etwa 30 Prozent der Studentinnen und 15 Prozent der Studenten unter psychischen Problemen. Grund dafür sind Prüfungsangst, Stress im Studium, finanzielle Probleme und Depressionen.

Aber auch unabhängig von solchen Extremsituationen leben wir in einer belasteten und zutiefst verwundeten Welt. Wir erleben Menschen, die nach dem Sinn ihres Lebens fragen, die existenzielle Zukunftsängste haben, die anderen nicht mehr vertrauen können, weil sie enttäuscht wurden, die nicht mehr lieben können, weil sie im Innersten so sehr verwundet sind, die Gott nicht mehr sehen wollen, weil sie so viel Leid und himmelschreiendes Unrecht erfahren haben.

Ich persönlich wohne wenige Minuten von einer katholischen Klinikkirche entfernt, die ich immer wieder zum Gebet aufsuche und in der ich immer wieder auf Menschen treffe, die um einen geliebten Menschen bangen oder seinen Tod betrauern. Es ist gut, dass wir die schweren Fragen, die uns belasten, nicht selbst zu beantworten versuchen. Das können wir nämlich gar nicht. Und: Wir müssen es auch nicht. Denn es gibt da jemanden, der die tiefen Verwundungen der Welt kennt, der den abgrundtiefen, tödlichen Hass der Menschen erlebt, der sich darauf eingelassen und selbst den Tod durchlitten hat.

Wenn jemand nach einer Zeit des Gebetes die Klinikkirche verlässt, haben sich seine Sorgen, Fragen und Nöte nicht automatisch in Luft aufgelöst. Und das ist auch gar nicht schlimm. Denn Gott will das Leid der Menschen nicht einfach wegerlösen, nivellieren oder uns auf das Jenseits vertrösten a la „Der Verstorbene wird ja auferstehen“. Jesus selbst weiß, was Tod, Trennung und Trauer bedeuten. Am Grab seines Freundes Lazarus hat er geweint. Und wer in einer Kirche in Richtung Altar blickt, der findet dort für gewöhnlich keine Auferstehungsikone, sondern den Gekreuzigten, der mit jedem von uns leidet. Der Gekreuzigte kennt unsere Sorgen, Fragen und Nöte. Er weiß, wie sich Liebe anfühlt, die verwundet, enttäuscht und links liegengelassen wurde. Und auch als der Auferstandene wird er die Wunden der Passion tragen. Wunden lassen sich nämlich niemals ganz rückgängig machen. Aber Gott kann sie heilen und wird sie letztlich in Siegeszeichen verwandeln. Manchmal kann das drei Tage dauern, manchmal auch drei oder dreißig Jahre. Gottes Verheißung an uns bleibt allerdings, dass unsere Wunden nicht vergeblich sind, sondern dass sie letztlich zu „vulnera gloriosa“ werden: Wunden, die leuchten in Herrlichkeit.

Vielleicht werden wir erst an unserem Lebensende oder im ewigen Leben erfahren, dass das schwere Leid, das uns ein anderer Mensch angetan hat, diesen zu einer tiefen Bekehrung bewegt hat. Vielleicht wird uns dann aufgehen, dass sich die vielen Tränen um einen geliebten Menschen gelohnt haben. Denn Tränen lassen Gott – genauso wie das Gebet – nicht einfach kalt und unberührt. Beim Blick auf das Kreuz strahlt uns die Verheißung auf, dass Gott bei denen, die ihn lieben, letztlich alles zum Guten führen wird (Röm 8,28).

Der Autor, 23, studiert Rechtswissenschaften in Köln