Glaubenswissen im Religionsunterricht weitergeben: Chancen und Möglichkeiten : Lebendiger Zugang ist für Schüler wichtig

In vielen Leserbriefen der letzten Zeit wurde von verschiedenen Seiten her die Vermittlung von „Glaubenswissen“ im Religionsunterricht gefordert. Dazu einige eigene Erfahrungen. Bevor ich für den Hauptteil meines Lebens nach Japan gehen konnte, unterrichtete ich als Gymnasiallehrer in den Fächern Deutsch, Biologie und Religion längere Zeit in den 1960er Jahren. Es gab damals keine Religionslehrbücher mehr, und so erlebte ich jedes Mal ein Aufatmen, wenn ich aus meiner Reli-Klasse in eine Deutsch- oder Bio-Klasse hinüberwechseln konnte.

Als ich dann an der Nanzan-Universität in Japan neben den Germanistik-Vorlesungen auch „Einführung in den christlichen Glauben“ lehrte, schien mir sofort das, was ich mir daheim erarbeitet hatte, die beste Gestaltungsform des Unterrichts, obwohl dort 99 Prozent meiner Hörer Nichtgetaufte waren. Auch hier durfte es mir nicht um enzyklopädische Wissensvermittlung gehen, sondern um das Nahebringen des Einzigartigen, das „Glauben“ im Sinn der Bibel bedeutet.

Wie daheim auf der Mittel- und Oberstufe des Gymnasiums lasen und analysierten wir Schlüsseltexte, deren Fokus das Einmalige des christlichen Glaubens war: Darwin, Einstein, Heisenberg, Biologie-Nobelpreisträger, Mozart, Charles de Foucauld, Teilhard de Chardin, Paul Claudel, Pascals „Gedanken“, Augustinus‘ „Bekenntnisse“, Negro-Spirituals, moderne Dichtung und die klassischen Stellen des „ewigen Bestsellers“, wie eine Studentin die Bibel nannte.

Die Studenten verdienten sich ihre Noten durch die Übernahme von Referaten. Nie strebte ich die Vollständigkeit eines christlichen Weltbildes an; immer kreisten wir um das Thema: reale Beispiele überzeugten und überzeugenden Gott-Glaubens heute. Mag man heute in Deutschland es mit Recht als notwendig finden, in Reli Glaubenswissen statt vager Alltagsanalysen zu bieten, vor allem in den unteren Klassen; für die Pubertierenden und jungen Erwachsenen scheint es mir weit notwendiger, so intensiv wie möglich in gemeinsamer Bemühung sich einen lebendigen Zugang zu dem zu erarbeiten, was uns als Realität vollzogenen Glaubens, als unleugbares Phänomen, als sich auch heute jedem sich bietende Möglichkeit und doch auch als Gnadenwunder darbietet.

Wünschenswert dabei ist natürlich ein Engagement des Lehrers ganz eigener Art, ein täglich neues Bedenken dessen, was wir im Gegensatz zur großen Öffentlichkeit mit ihrem verwirrenden Meer von wertneutralen Informationen als das uns Wichtigste, nach aufrichtiger Suche, glauben. Ist Glaubenkönnen als höchster menschlicher Wert plausibel geworden, sucht da der Betroffene nicht spontan die dazugehörige bunte Fülle der Details?