Gefahren der Genderideologie: Zum Artikel von Professor Manfred Spieker „Eine anthropologische Revolution“ : Wo bleibt der Widerstand?

Der Artikel von Manfred Spieker („Eine anthropologische Revolution“, DT vom 5. September) sowie die Erwiderung auf ihn im Leserbrief von Thomas M. Adam („Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“, DT vom 8. September) machen auf ein kaum fassbares Phänomen in unserer Gesellschaft aufmerksam: auf die Etablierung einer Ideologie – der Ideologie des Genderismus – mit staatlicher Unterstützung ohne öffentlichen Widerstand, ja sogar ohne dass weite Teile der Öffentlichkeit dies überhaupt bemerken. Das ist weit über die inhaltliche Bedeutung des Genderismus hinaus ein bemerkenswertes, ja besorgniserregendes gesellschaftlich-politisches Phänomen.

Als die Ideologie des Marxismus-Leninismus 1989 ihre Faszination, die sie bis dahin für viele gehabt hatte, verlor, war vom „Ende des ideologischen Zeitalters“ die Rede. Darin kam die Überzeugung zum Ausdruck, dass den Menschen nun gründlich die Augen für die unheimlichen Konsequenzen ideologischen Denkens aufgegangen seien. Das war offenkundig ein Irrtum. Eine neue Ideologie hat sich ausgebreitet und mit staatlicher Unterstützung etabliert, ohne dass es nennenswerten Widerstand gab oder gibt, auch von Seiten der Kirchen in Deutschland nicht. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat ihrerseits im vergangenen Jahr sogar ein eigenes „Studienzentrum für Genderfragen in Kirche und Gesellschaft“ (in Hannover) etabliert. Man will ja schließlich auf der Höhe der Zeit sein!

Die Genderisten haben in relativ kurzer Zeit unglaubliche „Erfolge“ erzielen können, wenn man etwa als Maßstab die Anzahl der Professuren in Deutschland für „Genderstudien“ nimmt (an die zweihundert) sowie die finanziell komfortabel ausgestatteten Gender-Forschungszentren. Als vorläufiger Höhepunkt dieser „Erfolgsserie“ kann gelten, dass die frühere Leiterin des „GenderKompetenzZentrums“ Berlin inzwischen zur Richterin am Bundesverfassungsgericht und damit zur Interpretin unserer Verfassungsordnung ernannt wurde.

Diese „Erfolge“ konnten die Genderisten vor allem durch Tarnung erzielen: Sie bestand darin, dass es ihnen gelang, die Öffentlichkeit glauben zu machen, es handele sich beim „Gender-Mainstreaming“, wie die Gender-Ideologie verharmlosend genannt wird, vornehmlich um eine Bewegung zur Überwindung von Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Wer konnte und kann dagegen sein? In Wahrheit war und ist der Genderismus von Anfang an jedoch viel mehr als „nur“ eine besonders kämpferische und verbal hoch aufgerüstete Bewegung zur Beseitigung von Ungleichheit und Herstellung von Gleichheit unter den Geschlechtern. Sie war von Anfang an eine Rebellion gegen die biologischen Grundlagen des menschlichen Lebens und damit gegen die Grundlagen humanen gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Die vorrangige Verwendung des Gleichheitsarguments durch die Genderisten war und ist ein außerordentlich erfolgreiches Täuschungsmanöver. In Wahrheit geht es dem Genderismus nicht primär um die Überwindung gesellschaftlicher Ungleichheiten. Wer diese bekämpfen will, ist nicht auf Versatzstücke der Gender-Ideologie angewiesen. Sie geben für einen solchen Kampf, sofern er meint, was er sagt, nichts her. Entschiedener Einsatz für die Überwindung gesellschaftlicher Ungleichheiten und entschiedene Kritik des Genderismus schließen sich nicht aus. Es ist durchaus kein Widerspruch, wenn sich jemand ebenso über den Genderismus und sein Unwesen empört wie über verschiedene Formen der Ungleichbehandlung von Mann und Frau in unserer Gesellschaft, etwa in Form von unterschiedlicher Entlohnung für gleichwertige Tätigkeiten.

Der „Erfolg“ der Genderisten beruht vor allem darauf, dass diese Tarnung der wahren Zielsetzung vom allergrößten Teil der weltweiten Öffentlichkeit nicht bemerkt wurde. Zwar hat es an gründlichen Analysen und scharfen Urteilen nicht gefehlt. Aber sie fanden überwiegend kein Gehör. Jedenfalls haben sie das öffentliche Bewusstsein offenkundig nicht beeinflussen können. Zur „Erfolgsgeschichte“ des Genderismus gehört auch, dass man Kritiker mundtot zu machen versuchte und ihnen, soweit es sich um Staatsbedienstete handelte, Sanktionen androhte. Als die mutige Journalistin Birgit Kelle Kritik an der Errichtung des Gender-Studienzentrums in Hannover übte und fragte, „ob die EKD ein verlängerter Arm der Genderforschung an Universitäten werden“ wolle, und hinzufügte, „bald wundert einen gar nichts mehr in der evangelischen Kirche“, wies der damalige Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider diese Kritik als „populistische Anbiederei an veränderungsunwillige konservative Kreise“ zurück. Er freue sich, „dass Verkrustungen einer jahrtausendealten Männertheologie und Männerkirche aufgebrochen“ würden.

Auch gehört zur „Erfolgsgeschichte“ des Genderismus das Schweigen der katholischen Bischöfe, wenigstens der deutschen, zu dieser elementaren gesellschaftlichen Bedrohung durch eine wissenschaftlich getarnte Ideologie, die die Grundlagen eines humanen gesellschaftlichen Zusammenlebens bedroht. Dass die Bischöfe dieses herausragende „Zeichen der Zeit“ bis heute nicht erkannt, jedenfalls nicht darauf reagiert haben, ist unbegreiflich.

In Norwegen hat ein einzelner Journalist (Harald Eia) bewiesen, dass die Öffentlichkeit dem totalitären Sog, der inzwischen von der Gender-Ideologie ausgeht, nicht machtlos ausgeliefert ist. Er hat mit einer einzigen Fernsehsendung eine öffentliche Debatte über den Irrsinn des Genderismus ausgelöst, indem er die wissenschaftliche Haltlosigkeit der Kernthesen der Genderisten einsichtig gemacht hat. Dies ist ihm dadurch gelungen, dass er führende internationale Wissenschaftler aus den einschlägigen Fachgebieten zu Überzeugungsäußerungen norwegischer Genderisten Stellung beziehen ließ. Diese Stellungnahmen waren teilweise derart vernichtend, dass die Sendung für die Genderisten äußerst blamabel war. Das wichtigste Ergebnis der durch die Sendung ausgelösten öffentlichen Debatte war die Streichung der staatlichen Mittel für die Finanzierung der „Genderforschung“, die bis dahin auch in Norwegen sehr intensiv betrieben worden war.

Wann endlich erleben auch wir in Deutschland eine solche Debatte? Hier wartet eine dringende Aufgabe auf die katholischen deutschen Bischöfe. Aber auch Journalisten müssten in einer Aufklärung über den Genderismus eine wichtige Aufgabe im Dienst am Allgemeinwohl sehen.