Erzbischof Reinhard Marx über Karl Marx: Kapitalismus sorgt für Wohlstand

Den mit Geist und Gemüt verfassten Brief von Erzbischof Reinhard Marx „Marx schreibt an Marx“ (DT vom 30. Oktober) muss man mehrmals lesen. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass der Kapitalismus zehn Generationen lang einen Sieg nach dem anderen errungen hat. Lebensstandard und -qualität stiegen in weiten Teilen der Welt in ungeahnte Höhen. Die Armut konnte drastisch gesenkt werden und die Lebenserwartung hat sich mehr als verdoppelt. Durch das Wachstum des materiellen Wohlstands innerhalb von zwei Jahrhunderten hat sich das reale Pro-Kopf-Einkommen verzehnfacht, konnte die Erde einen Anstieg der Bevölkerung um das sechsfache verkraften. Trotzdem haben offenbar viele Menschen Schwierigkeiten, den Kapitalismus zu akzeptieren. Das Problem besteht darin, dass die Dynamik, die den Kapitalismus definitionsgemäß ausmacht, nämlich die Konkurrenz, sich nicht mit der Sehnsucht des Menschen nach Stabilität und Sicherheit vereinbaren lässt. Leider erzeugt Wirtschaftswachstum weder Zufriedenheit noch Glück. Volkswirtschaften wachsen und gedeihen, wenn Menschen lernen, sich zu spezialisieren und die Arbeit zu teilen. Das trifft auch auf die Weltwirtschaft zu. Globalisierung, die Vertiefung der Spezialisierung und die Ausweitung der Arbeitsteilung über Landesgrenzen hinaus ist der Schlüssel zum Verständnis unserer jüngsten Wirtschaftsgeschichte. Die zunehmenden Möglichkeiten, weltweit Handel zu treiben und Risiken einzugehen, schaffen eine globale Welt. Die Produktion wird immer internationaler. Das Endprodukt wird in einem Land gefertigt, doch die Einzelteile kommen oft aus unterschiedlichen Kontinenten. Die Möglichkeit, sich die günstigsten Arbeitskräfte und das günstigste Material auf der ganzen Welt zu suchen und nicht nur im eigenen Land, verringert nicht nur Kosten und Preissteigerungen, sondern steigert auch die Gewinne, das beste Maß für Produktivität und Lebensstandard. In den Entwicklungsländern wurden hunderte Millionen von Menschen aus der Armut befreit. Weitere hunderte Millionen erleben heute einen Wohlstand, wie wir Bewohner der Industrienationen ihn ein Leben lang gewöhnt sind. Auf der anderen Seite hat die Ungleichverteilung des Einkommens in Folge der Globalisierung die Auseinandersetzung zwischen Sozialstaat und Kapitalismus wieder aufleben lassen. Heute findet weltweit eine Debatte über die Zukunft der Globalisierung und des Kapitalismus statt, von deren Ausgang es abhängt, wie wir in den kommenden Jahrzehnten Handel treiben und leben. Die zunehmende Einkommenskonzentration stellt eine Bedrohung für den sozialen Frieden und die Stabilität demokratischer Gesellschaften dar. Diese Ungleichverteilung könnte eine zwar politisch nützliche, aber wirtschaftlich zerstörerische Gegenbewegung in Gang setzen. Und zweitens wird sich der Globalisierungsprozess selbst unvermeidlich verlangsamen, was zu einem Rückgang des weltweiten Wachstums führen könnte. Dies wiederum könnte die allgemeine Zustimmung gefährden, derer sich der Kapitalismus seit dem Niedergang der Sowjetunion erfreut. Wir Menschen gewöhnen uns rasch an einen höheren Lebensstandard, und wenn der Fortschritt sich verlangsamt, fühlen wir uns betrogen und suchen neue Erklärungen oder neue Führer. Ironischerweise genießt der Kapitalismus heute in rasch wachsenden Entwicklungsregionen wie China, Indien oder Osteuropa größeres Ansehen als in seiner ursprünglichen Heimat, dem langsamer wachsenden Westeuropa. Für anstehende Regulierungsmaßnahmen sind die Politiker zuständig. Die Aufrechterhaltung der Balance zwischen Kapitalismus und Sozialstaat hat behutsam zu erfolgen.