Die einen brauchen Hilfe, die anderen würden sie gerne leisten: Langzeitarbeitslose könnten helfen

Leider kann ich wieder einen Artikel nicht unwidersprochen lassen. In einer Ihrer letzten Nummern (DT vom 19. August) wird eine Idee unserer Regierung, Langzeitarbeitslose bei der Pflege Demenzkranker einzusetzen, als „menschenverachtend“ betitelt. Bitte: Wer verachtet da wen? Was stellt sich der Autor unter Langzeitarbeitslosen vor? Was unter Demenzkranken? Wenn Zivildiener zur Pflege eingesetzt werden können, wenn eine 70-jährige Tochter ohne Pflegekurs ihre 90-jährige Mutter Tag und Nacht betreuen muss, wenn oft nur kurzfristig angelernte, der Sprache nur mühsam mächtige Ausländerinnen als Hilfen in wirklicher Not herangezogen werden – gerne herangezogen werden –, um die nötige Betreuung zu garantieren, damit sich der oder die pflegende Angehörige endlich ausschlafen kann, wenn so ein Demenzkranker wenigstens Flüssigkeit und Nahrung bekommt, die ihm sonst die professionell ausgebildete, aber hoffnungslos überforderte Schwester im Pflegeheim nur neben das Bett stellen und dann wieder – unberührt – wegtragen kann, weil ihr die Zeit zum Füttern fehlt (ach ja, „füttern“ darf man ja auch nicht sagen, auch das ist „menschenverachtend“, wie ich ebenfalls schon oft gehört habe), warum in aller Welt sollten Menschen zu solchen Hilfeleistungen nicht fähig oder anlernbar sein, nur weil sie den Makel der Langzeitarbeitslosigkeit an sich tragen?

Menschenverachtend aber ist es anscheinend nicht, Mitmenschen, die sich selbst nicht mehr helfen können, hungern, austrocknen, in den eigenen Exkrementen liegen zu lassen, weil keine „Diplomierten“ bezahlbar sind oder zur Verfügung stehen, weil es „menschenunwürdig“ ist, ganz „normale“ Menschen heranzuziehen, die einmal auch ihre eigenen Kinder mit Nahrung versorgt und gepflegt haben.

Langzeitarbeitslose, sind das wohl alle zu jeglicher Tätigkeit unfähige, arbeitsscheue Elemente? Natürlich gibt es auch solche, aber gerade heute sind es vor allem Personen, die bereits ab 40 nicht mehr vermittelbar sind, weil die Jüngeren wegen der Progression der Gehälter billiger sind, aber auch „Überqualifizierte“, die wegen ihrer Ausbildung ebenfalls höher bezahlt werden müssten. Auch „Wiedereinsteigerinnen“ nach dem Erwachsenwerden der Kinder sind darunter. Die meisten von ihnen sind wegen ihrer erzwungenen Untätigkeit unglücklich, oft depressiv bis zur Selbstmordgefährdung, verstehen aber nicht, sich etwa in der Nachbarschaftshilfe einzubringen. Zu groß ist die Entfremdung der Menschen untereinander vor allem in den Städten, wo die Bewohner desselben Hauses einander oft nicht einmal kennen (solange die Liftanlage in Betrieb ist).

Solche Menschen zusammenzuführen – die einen, die Hilfe brauchen und die anderen, die sie gerne leisten würden – wie dringend nötig wäre das doch, und weit weg von Menschenunwürdigkeit! Hie und da gibt es Pfarren, die diese Vermittlungsarbeit begonnen haben – in kleinem Rahmen und ganz schüchtern.

Aber auch die Vorstellung von Demenzkranken ist anscheinend korrekturbedürftig. Denn hier gibt es verschiedene Grade, die unterschiedlicher Betreuung bedürfen: Von den Ängstlichen, die nur die Anwesenheit einer Person brauchen, weil sie – allein gelassen – um Hilfe zu rufen beginnen oder die Wohnung verlassen und hilflos umherirren würden, sonst aber angepasst sind, sich selbst pflegen und sogar noch kochen können (wenn jemand aufpasst, dass das Gas nachher wieder abgedreht wird) bis zu den Hilflosen, die komplett versorgt werden müssen, mit entsprechender Einschulung aber oft noch im Rahmen der Nachbarschaftshilfe betreut werden könnten – wenn es solche Nachbarn noch gäbe, denn oft sind die Häuser leer, weil alle Bewohner berufstätig sind.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man von Menschenunwürdigkeit sprechen kann, wenn man in Langzeitarbeitslosen nicht Arbeitsscheue, sondern motivierbare Menschen sieht, die in Alten und Dementen nicht menschliche Wracks sehen, sondern sie als Personen achten, deren innere Werte für Außenstehende nicht (mehr) erkennbar sind, in aufgehellten Momenten aber sichtbar werden können, wenn man sich genügend Zeit nehmen kann, um diese Momente abzuwarten und wenn man dem Kranken respektvoll entgegenkommt. Ich habe es erlebt, dass auf diese Weise auch Jugendliche und Kinder von 12, 13 Jahren Menschen zum Reden brachten, die schon monatelang stumm gewesen waren.

Ja, Zeit hätten sie wohl, die Langzeitarbeitslosen – und Respekt vor Menschen in der letzten Lebensphase, im „Endspurt“, wenn man das Leben nach Paulus als Wettlauf ansieht. Ja, diesen Respekt sollten wir wohl alle aufzubringen lernen – ob arbeitslos oder nicht – wenn wir als Christen die Geringsten ehren sollen. Denn die Geringsten sind heute nicht mehr die Bettler auf der Straße, sondern jene, denen oft schon die Lebensberechtigung abgesprochen wird. Papst Johannes Paul II. in seiner letzten Lebensphase, die alle, besonders aber die Jugend, so beeindruckt hat, könnte er uns dazu nicht eine große Hilfe sein?