Die Bildungslüge: Zum Interview mit Professor Jochen Krautz: Die Inkompetenz der Kompetenten

Zum Interview-Artikel mit Professor Jochen Krautz (DT vom 11. August): Ich rufe in Erinnerung: Der Autor analysiert die Auswirkungen des von der OECD in Schulen und Universitäten eingeführten Kompetenzkonzepts und klärt auf über ein Dilemma aus Top-down-Perspektive. Seine Beobachtung: Kompetenz ersetzt Bildung! Ich zitiere: „Bildung zielte auf Selbstständigkeit im Denken auf der Grundlage von Wissen und Können. Die Vermittlung von Kompetenzen hingegen zielt auf vordergründiges Funktionieren, auf Anpassungsbereitschaft an globalen Wandel beziehungsweise auf das, was bestimmte Kreise dafür halten.“ Selbstständiges Denken nimmt ab und die Kompetenzorientierung senkt das Bildungsniveau; Lehrpläne werden zur aberwitzigen Ansammlung von Teilkompetenzen. Laut OECD und PISA-Test gehe es ganz ausdrücklich nicht um geistige Selbstständigkeit, sondern um „Anpassungsfähigkeit“ – und „um die Steuerbarkeit und Steuerung von Menschen..., indem man ihnen das Denken abgewöhnt.“ Wie gut aber funktionieren solcherart geschulte beziehungsweise programmierte Menschen in unserer Welt?

In der psychotherapeutischen Praxis werden narzisstisch gestörte, intelligente aber überhebliche junge Menschen gesichtet, die sich vom Internet-Wissen nähren, aber beruflich nicht auf die Beine kommen, sondern noch oder wieder im Haus der mittelständischen Eltern wohnen und Arbeitslosengeld oder Invalidenrente beziehen. Sie machen den Eindruck von hochintelligenten Möchtegern-Nerds, sind aber untauglich bei täglichen Anforderungen; sind erheblich beziehungsgestört, sensibel, scheu, introvertiert mit Neigung zu zwanghaftem Verhalten und psychosomatischen Störungen. Ist das das untere Ende der Kompetenzkonzept-Strategie?

Aus diesem Bottom-up-Blickwinkel der von Größenfantasien betroffenen Menschen hat der Berner Physiker und Philosoph, Lehrer, Publizist und Jazzmusiker Eduard Kaeser unter dem Titel „Inkompetenzerkennungskompetenz“ einen Artikel für die NZZ vom 8. August 2015 verfasst, auf den ich als Ergänzung zum DT-Interview verweisen möchte. Kaeser berichtet von einem partiellen Ausfall der Wahrnehmung, der als „hemisphärischer Neglect“ in der Neurologie bekannt ist. Weniger bekannt sei der sogenannte „Dunning-Kruger-Effect“. Die Studie von Dunning/Kruger beschreibt die kognitive Verzerrung der Selbsteinschätzung inkompetenter Menschen: „Unqualifiziert und uneinsichtig: wie Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz zu erkennen, zu einer aufgeblähten Selbsteinschätzung führen“ – so der Titel der Studie (1999). Der leichte und schnelle Zugang zu digitalen Datenbanken, und die „scheinbar grenzenlose Verfügbarkeit von Informationen (könne) dazu verleiten, Zugang zum Wissen mit Wissen selber zu verwechseln.“ Die falsche Selbsteinschätzung zeigt sich in Tests, die Dunning/Kruger mit Studenten durchführten: „Je schlechter die Aufgabenbewältigung, desto schlechter die Einschätzung der eigenen Inkompetenz.“

Mit einem Verweis auf den Philosophen Odo Marquard, der von der Philosophie scherzhaft als von einer „Inkompetenzkompensationskompetenz“ gesprochen hat, bildet Kaeser den Begriff „Inkompetenzerkennungskompetenz“ für die Wahrnehmung des eigenen blinden Flecks. Mehr Selbsterkenntnis also, wobei wir wieder im psychotherapeutischen Feld angelangt sind, mehr selbstständiges Fragen und Denken ist angesagt. Und damit wir bei all dem doch noch etwas zu Lachen haben: 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie den satirischen Ig-Nobelpreis im Bereich Psychologie. Dieser „Anti-Nobelpreis“ ist eine satirische Auszeichnung, um wissenschaftliche Leistungen zu ehren, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“.