Der heilsame Rhythmus der Kirchenjahres : Die Seele braucht eine vorgegebene Form

Professor Spaemann macht konkrete Vorschläge zur Annäherung beider Messformen des lateinischen Ritus. Diese praktischen Hinweise halte ich für sehr wertvoll und konstruktiv. Ebenso bedarf es einer Angleichung des gefeierten Kirchenjahres.

Der jährlich wiederkehrende Rhythmus der Kirche ist im Lauf der Jahrhunderte organisch gewachsen. Zwar ist die Struktur des kirchlichen Jahres nur eine Struktur neben anderen Jahresrhythmen (bürgerliches Jahr, Naturjahr in unseren Breiten, Schuljahr, et cetera), aber sie ist eine Hilfe für den Menschen, der immer in Rhythmen lebt (Atmung, Tag-Nacht, Wochenrhythmus, Monatszyklus, Lebenskreis, Gestirnsverläufe). Die Seele braucht eine vorgegebene Form, in die sie sich hineinlegen kann. Gleichzeitig muss diese Form der Seele gemäß sein und darf nicht willkürlich erdacht sein (7- oder 10-Tages-Woche). Die Seele braucht auch ihre Zeit, um sich in etwas hineinfinden zu können (etwa Trauerphasen, Ankommensphasen, Traumabearbeitung).

Neben diesem zeitbezogenen Rhythmus gibt es noch einen ereignisbezogenen Rhythmus: Die Vorbereitungszeit (Idee, Vorfreude, Planung, konkrete Vorbereitungen), den Höhepunkt eines Festes selbst (Feier, Gemeinschaft, Freude, gutes Essen, Abstand vom Alltag) und schließlich den Nachklang (Verabschiedung, Wegräumen, schöne Erinnerung, kraftvolles Erfülltsein).

Wenn man die beiden beschriebenen psychologischen Gegebenheiten zur Kenntnis nimmt und sich daraufhin das Kirchenjahr anschaut, spürt man Differenzen: Der Sonntag als Höhepunkt der Woche sollte die kommende Woche vom Charakter her prägen. Wenn werktags Heiligenfeste liegen, so bilden sie zum Sonntag einen Kontrapunkt. Mein Vorschlag: Wenn ein Fest gefeiert wird, dann ein Fest im oben beschriebenen Sinn (Vorfreude, besondere Tagesgestaltung, Nachklang), alternativ hält man nur ein Gedächtnis.