Der Leserbrief „Gott sei Dank, ich bin Atheist“ (DT vom 22. Januar) sorgt für Diskussionen – Eine Auswahl erster Reaktionen: Wir verdanken uns der Liebe Gottes: Das spricht für Souveränität: Sterne sehen und Mozart hören

Ausgerechnet ein atheistischer Naturwissenschaftler, der sich gleich anfangs „für ein liberales Abtreibungsrecht, für aktive Sterbehilfe und für Stammzellenforschung“ ausspricht und damit zum Massenmord an den Ungeborenen und Wehrlosen, ja am menschlichen Erbgut selbst, der nur gesellschaftliche „Schäden“ kennt, die von den Religionen hervorgerufen werden, wohlweislich aber von Atheisten betriebene Guillotinen, Gulags, Konzentrationslager und Abtreibungskliniken übergeht, macht „einer Religionsgemeinschaft“ (natürlich der katholischen) den Vorwurf, „über Jahrhunderte hinweg vernünftig Denkende in Kerker gesteckt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt“ zu haben. Doch in 2 000 Jahren christlicher Religionsgeschichte ist nur ein Bruchteil jener Millionen von Menschenopfern zu beklagen, die der Atheismus der letzten anderthalb Jahrhunderte zu verantworten hat.

Der Versuch, die christliche Ethik auf Lohn und Strafe und damit auf „niedrige Beweggründe“ zu reduzieren und das Theodizeeproblem dadurch lösen zu wollen, dass man Gott leugnet, führt doch nur zu einer Art „Hundephilosophie“, also auf ein „Kreisen des Menschen um sich selbst“. Dazu passt, dass Dr. Vowinkel (Leserbrief vom 22. Januar) Kants ethischen Ansatz ablehnt, weil dieser mit dem Kategorischen Imperativ „den freien Willen unabdingbar voraussetzt“. Die christliche Ethik gründet, wie Papst Benedikt überzeugend dargelegt hat, auf der „Liebe“. Ich bin nicht Mensch, weil ich denke (Descartes: Cogito, ergo sum), sondern weil ich „gedacht wurde“ (Baader: Cogitor, ergo sum). Jeder Mensch verdankt sich letztlich der Liebe Gottes.

Gott wiederzulieben setzt allerdings Freiheit voraus, und wo echte Freiheit ist, gibt es auch Schuld und Verantwortung. Hinter einem „Tsunami“ Gott zu vermuten, beweist nur, dass es gewissen Atheisten schwerfällt, über die wahren Verantwortlichkeiten nachzudenken, mit denen wir Menschen nicht nur „das Paradies“ ruiniert, sondern auch die Schöpfung zutiefst verletzt haben und immer noch verletzen.

Wenn Dr. Vowinkel „Mitleid“ im Sinne Schopenhauers für die Grundlage aller Ethik hält: Wie verträgt sich das etwa mit seiner Einstellung gegenüber der Abtreibung? Gott sei Dank muss ich kein Atheist sein, der Verbrechen verübt, die er (angeblich!) vor niemandem verantworten muss! Doch Gott wird alle zur Verantwortung ziehen: Gottlose wie Gläubige.

Als erstes danke ich für den Abdruck des Leserbriefs von Dr. Bernd Vowinkel (erschienen in „Die Tagespost“ vom 22. Januar). Das spricht für die Souveränität der Tagespost. Das Aufschlussreichste steckt in den beiden allerletzten Sätzen: „Es gibt den allmächtigen, absolut gerechten Gott gar nicht. Gott sei Dank, ich bin Atheist.“ Nochmal: „Gott“ sei Dank. Fällt Ihnen was auf? Der Herr sorgt schon dafür, dass klar bleibt, was klar ist. Gott sei Dank.

Dass die Tagespost es wert fand, den langen Leserbrief von Dr. Vowinkel abzudrucken, erstaunt mich, und ich bin eigentlich nicht der Auffassung, dass er eine Antwort verdient. Auf der anderen Seite erweckt der Autor beständig den Eindruck, als wäre er berechtigt, im Namen der Naturwissenschaft zu sprechen, und deshalb will ich wenigstens auf einige Punkte seines Leserbriefs eingehen.

Dr. Vowinkel schreibt, dass er sich „mit Stolz zum Utilitarismus“ bekennt, denn dies ist, wie er meint, eine Geisteshaltung, bei der der „Verstand im Vordergrund steht“. Ob dieser Stolz berechtigt ist und der Verstand in der Tat nicht nur im Vordergrund steht, lässt sich leicht an folgender Frage studieren: Lässt sich im Rahmen eines strikten Utilitarismus ein prinzipielles Argument dafür finden, dass es verboten ist, einen beliebigen Menschen zu töten, ihm seine Organe zu entnehmen und damit mehreren anderen Menschen, die auf Niere, Herz, Leber, Lunge ... warten, das Leben zu retten? Die Antwort lautet aus wenigstens zwei Gründen: nein. Denn erstens kennt der Utilitarismus abgesehen von der dogmatischen Annahme, dass Nutzen der höchste Wert ist, aus ebendiesem Grund keine prinzipiellen Argumente, vielmehr muss er alles einem Nützlichkeitskalkül unterwerfen und dazu noch die Unsicherheit in Kauf nehmen, wie sich unsere Handlungen auf längere Zukunft auswirken, – ganz abgesehen davon, dass über die Frage, was im Einzelnen nützlich ist, ohnehin selten Einigkeit besteht. Zweitens scheint dem Nützlichkeitsprinzip genüge getan, wenn man durch den Tod eines Menschen das Leben vieler anderer rettet.

Dr. Vowinkel kritisiert dann die Ansicht, dass es Wahrheiten geben kann, die sich der Naturwissenschaft entziehen. Er fragt, „ob es wohl verschiedene Wirklichkeiten geben kann und wie man eventuell Zugang zu einer anderen Wirklichkeit erhält“. Als Beispiele führt er dann ohne weiteres mystische Vorgänge an, die „eben doch naturwissenschaftlich erklärt werden können“, kommt daraufhin sofort zum Vitalismus, den die Genetik „als groben Unfug“ entlarvt hat, und von da ohne Umschweife zur Evolutionstheorie, die selbst vom Vatikan anerkannt wird, wenngleich „nicht aus Einsicht“.

Schön, möchte man sagen, dass wir heute soviel endgültiges Wissen haben und Denker wie Karl Popper so danebenlagen. Ein gewisser Wermutstropfen liegt freilich darin, dass an die Wahrheit der geozentrischen Theorie ebenso entschieden geglaubt wurde wie heute an die Wahrheit der Evolutionstheorie – und dass es immer Menschen gab, die, um mit Nietzsche zu sprechen, meinten, dass der erhobene Busen ein Argument sei. Letzteres im Hinblick auf die Bemerkung des Autors über die Einsichtsfähigkeit des Vatikans.

Aber zurück zur Frage: Erfasst die Naturwissenschaft die Wirklichkeit vollständig? Der springende Punkt lässt sich an einem Beispiel einsehen: Man kann einem Physiker oder Chemiker eine CD geben und ihn bitten, diese mit allen Raffinessen, die die Wissenschaft bereithält, zu untersuchen. Was kann der Naturwissenschaftler als Naturwissenschaftler tun? Er kann die Platte auf ihre chemische Zusammensetzung, Leitfähigkeit, Form, ihr Gewicht und vieles mehr untersuchen. Falls die CD unbespielt ist, ist diese naturwissenschaftliche Analyse (im besten Fall) einigermaßend erschöpfend. Falls sie jedoch bespielt ist, kann es sein, dass der Naturwissenschaftler das Wichtigste nicht versteht: Dazu müsste er die CD nämlich auflegen und sie sich anhören.

Damit aber überschreitet er den methodischen Rahmen seiner Wissenschaft. Enthält die CD etwa die Kopie eines mathematischen Satzes, so müsste er versuchen, diesen Satz zu verstehen – wobei das Wort „verstehen“ nun aber einen völlig anderen Sinn hat verglichen mit dem, was der Physiker meint, wenn er sagt, er versteht nun, warum – sagen wir zum Beispiel – ein bestimmter Stern sich zum Neutronenstern entwickelt hat. Dies gilt selbstverständlich auch, wenn sich auf der CD zum Beispiel ein Quartett vom Mozart befindet: Nichts von dem, was es hier zu verstehen gilt, lässt sich im Rahmen dessen erfassen, was die Naturwissenschaft entsprechend ihrer Methode einholen kann.

Nun meint Herr Vowinkel ja, auch solche Erfahrungen könnte man naturwissenschaftlich deuten, was sich dadurch zeigt, dass man sogar spirituelle Erfahrungen hervorrufen kann, indem man bestimmte Schläfenlappen mit Elektroden reizt. Das mag sein. Aber da es um die Wirklichkeit solcher und anderer Erfahrungen geht, ist dieser Hinweis ein erstaunliches Argument – und ganz besonders für einen „rational denkenden Menschen“ – so die Selbsteinschätzung des Autors am Ende seines Leserbriefs. Schließlich sehen Menschen gelegentlich deshalb Sterne, weil sie einen Schlag auf den Kopf erhalten haben – aber das beweist nichts gegen die Wirklichkeit der Sterne.

A propos Sterne: „Was die Entstehung der Welt angeht“, so Vowinkel, – „kann man jetzt schon sagen, dass die Physiker keinen Gott brauchen, um den Vorgang zu erklären“. Die Physiker – und ebenso die Theologen – tun jedenfalls gut daran, Gott nicht als Lückenbüßer zu gebrauchen. Vowinkel übersieht allerdings, dass dies für oder gegen die Existenz Gottes gar nichts beweist: Denn Shakespeare kommt in dem Drama Hamlet auch nicht vor – was keineswegs bedeutet, dass das Drama keinen Autor hat –, ein Argument, an das in jüngster Zeit der Philosoph Robert Spaemann erinnert hat.

Übrigens zitiert Vowinkel den Physiker und Philosophen Carl F. v. Weizsäcker in diese Zusammenhang völlig falsch: von Weizsäcker, der gelegentlich in evangelischen Kirchen predigte, war sich der methodischen Begrenzheit der Naturwissenschaft stets bewusst, – das kann man aus fast jedem seiner Bücher lernen. Ich weiß es allerdings auch deshalb, weil ich zwei Semester bei ihm Vorlesung hörte, bevor ich mehrere Jahre am Max-Planck-Institut für Astrophysik arbeitete.

Am Beispiel Weizsäcker kann man, wie an allen hervorragenden Wissenschaftlern – noch etwas anderes lernen: Die wirkliche wissenschaftliche Haltung zeichnet sich aus durch das demütige Bemühen und Suchen um Wahrheit, sie ist so ziemlich das genaue Gegenteil von jener Haltung, die in dem Leserbrief von Vowinkel zum Ausdruck kommt. Aber zugunsten des Autors: Dass er am Ende seines Briefes Gott dafür dankt, dass er nicht an Gott glaubt („Gott sei Dank, ich bin ein Atheist“), zeigt, dass er immerhin Sinn für Ironie hat.