Der Dialogprozess und die Frage nach der Repräsentanz im Räte- und Gremienwesen der Kirche: Ein offensichtlicher Systemdefekt

Zum Bericht über einen Abend in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“. Dort meinte bei einem Podiumsgespräch zum Thema Konzilsjubiläum der ZdK-Generalsekretär Vesper, dass doch für den gegenwärtigen Dialogprozess auch der diskursive Charakter des Konzils Vorbild sein könnte. Er freut sich an dem Bild des Bischofs, der mit zehn Laien-Delegierten diskutiert und sieht wohl schon in den Foren des Dialogprozesses ein kleines Konzil.

Hier seien mir einige grundsätzliche Gedanken zur Problematik der Meinungs-Repräsentanz von Delegierten erlaubt. Die Meinungen dieser Delegierten hört der Bischof, sitzt fein mit ihnen beim Essen und glaubt, die Stimme des Volkes zu hören.

Ein einfaches Rechenbeispiel mag die Augen öffnen: Wir stellen uns vor, in einem Pfarrgemeinderat wird nach einem Studientag über Frauendiakonat und Pflichtzölibat abgestimmt, wie man zu diesen Dingen steht und welche Forderungen man auf höhere Ebenen weiterleitet (vor der Teilnahme an einem solchen Studientag besteht meines Erachtens überhaupt keine Abstimmungskompetenz der Leute zu diesen Fragen). Dennoch würde wohl eine leichte oder größere Mehrheit – sagen wir mal 55-60 Prozent – für Frauendiakonat und gegen Pflichtzölibat stimmen.

Und genau aus dieser Gruppe von Leuten wird der PGR-Vorsitzende gewählt, aus dieser Mehrheitsgruppe wird auch der Delegierte in übergeordnete Gremien gewählt. Der PGR-Vorsitzende, der natürlich die Mehrheitsmeinung vertritt, verstärkt nochmals die Meinung des Delegierten, das heißt zwei oder sogar mehr Leute vertreten mit jeweils einer ganzen Stimme die Meinung von 55-60 Prozent der Gemeindevertreter.

Wir stellen uns nun vor, dass in einem Dekanat alle PGRs etwa solche Mehrheitsverhältnisse zu den Reizthemen haben. Wer aber sitzt in den Dekanatsräten? Genau die Delegierten, die jeweils aus ihren PGRs die Mehrheitsmeinung vertreten, denn sie werden von dieser Mehrheit ja gewählt!

Die Minderheits-Meinung – und wenn sie 45 Prozent beträgt – sie geht in jedem PGR unter und stellt keinen einzigen Delegierten in höhere Gremien und Foren! Alle Delegierten sind ja Vertreter der Mehrheitsmeinung. So kommt es, dass kürzlich in einem großen Dekanat in München der Dekanatsrat mit 100 Prozent für den Frauendiakonat und eine Pfarreileitung durch Laien, dass er ebenso eine „ergebnisoffene“ und frei von Traditionsorientierung erfolgende Diskussion über Frauenweihe und Zölibat gefordert hat. Den Abschuss macht die dekanatsrätliche Forderung nach einer theologisch-wissenschaftlichen Forschung zu diesen Themen, als ob es diese nicht seit Jahrzehnten und erschöpfend gäbe.

Diese 100 Prozent der Mitglieder des Dekanatsrates repräsentieren niemals – wie wir gesehen haben – 100 Prozent der Meinung von Katholiken, welche sich kompetent mit der Materie beschäftigt haben. Gäbe der Dekanatsrat ein echtes Bild der Katholiken wieder, so müssten die Mehrheitsverhältnisse ähnlich wie an der Basis sein. (Bitte immer nach einer erfolgten eingehenden Beschäftigung mit Für und Wider, das heißt nach der Aneignung einer gewissen Abstimmungskompetenz.)

Vielfach erfolgt die Entsendung von „Delegierten“ nicht durch Wahl, sondern durch Selbstvorschlag und Eigenmeldung – über viele Jahre hinweg. Mir scheint es daher wichtig, dass alle Gruppierungen und Verbände, welche in Pfarreien wirken und zu überörtlich agierenden kirchlich anerkannten Gemeinschaften gehören – gerade die neuen geistlichen Gemeinschaften in stärkerem Masse als bisher in diese Gremien eigene Vertreter entsenden.

Problematisch für manche Themen ist ebenfalls, dass sich die laut Satzung für die jeweiligen Räte benannten Priester in der Regel nicht die Zeit nehmen (können), anwesend zu sein, die Laien (in der Regel) ohne weltkirchliche und wirkliche theologische Kompetenz daher unter sich bleiben und in ihrem Frust Papiere und Forderungen verfassen.

Offene Abstimmungen ohne Gegenstimmen mit 100 Prozent Zustimmung, das gibt es vor allem in totalitären Systemen: Die Diktatur des Relativismus lässt grüßen!

Fazit: Räte sollen (den Bischof) beraten, keine Macht- und Mehrheitsverhältnisse transportieren! Beraten kann nur ein Gremium, welches die Bandbreite der Meinungen vertritt, Kompetenz erlangt hat durch eingehende Befassung mit der Materie. Vom Mainstream abweichende Meinungen müssen ebenfalls geduldet, ja um der Sache willen eher gefördert werden, damit der offensichtliche Systemdefekt etwas ausgeglichen werden kann. Sonst wird dem Bischof ein falsches Bild vermittelt!