Das Blutbad von Norwegen und die Diskussion über das kranke Weltbild des Massenmörders : Christlicher Terror? Wie absurd!

Der Massenmörder Breivik hat weder irgendetwas mit der katholischen Kirche zu tun, auch wenn er in seinem Wahn-Manifest im Internet einige irrtümliche Auffassungen über sie verbreitet hat. Noch hat er sich selbst als gläubigen Christen bezeichnet, im Gegenteil, er hat ebenda darauf hingewiesen, dass er eine persönliche Beziehung zu Christus nicht hat (und lässt auch an keiner Stelle erkennen, dass er eine solche jemals angestrebt hat). Überdies haben weder die katholische noch sonst eine halbwegs mitgliederstarke christliche Kirche je gelehrt, der Terror im Sinne der Ermordung oder Drangsalierung Unschuldiger sei zur Erreichung politischer Zwecke gerechtfertigt und ebenso dürfte im Islam im Übrigen dieser Auffassung nur eine verschwindende Minderheit der Theologen zustimmen.

Auch die Kreuzzüge sind nicht geführt worden, um alle Muslime in einem bestimmten Gebiet durch Terrormethoden auszulöschen, weil sie in ihrer Fremdheit stören. Genau dies jedoch – eine wahnhafte, aber genau bezeichnete politische Absicht – ist die alles andere als christlich-religiöse Motivation der unfassbaren Untaten Breiviks. Dass der Massenmörder mit seinen Verbrechen Verständnis oder positive Resonanz ausgerechnet in der katholischen Kirche oder sonst einer christlichen Kirche gefunden hätte, wird nicht einmal der eingefleischteste Kirchen- und Christenkritiker behaupten wollen.

Es ist deshalb also Professor Althoffs Geheimnis, wie er zur Auffassung gelangen kann, der islamistische Terror habe nunmehr „ein fundamentalistisch-christliches Pendant, das ihm an Grausamkeit nicht nachsteht“, gefunden, „wenn auch zunächst [sic!] als Einzelfall.“ (So der bekannte Mediävist Gerd Althoff in dem Artikel „Mythos Kreuzzüge. Gewalttätiges Erbe der Kreuzfahrer“ in der „Frankfurter Rundschau“ vom 29. Juli).

Zum anderen erstaunt es, dass Althoff einseitig die katholische Kirche und christliche Historiker für die Romantisierung der Kreuzzüge und die angeblich ungenügende Distanzierung unserer Kultur gegenüber der Gewaltausübung durch Kreuzritter verantwortlich macht, ist doch gerade die Entwicklung Breiviks ein frappierender Beleg dafür, dass die Mythisierung der Kreuzritter gerade nicht dem unmittelbaren Einfluss der katholischen oder dem einer anderen christlichen Kirche zuzuschreiben ist. Insbesondere die katholische Kirche hätte keinerlei Anlass, ausgerechnet die vom Papst im 14. Jahrhundert unter dem Zwang des französischen Königs verbotenen und verfolgten Tempelritter und ihre Taten zu romantisieren. Es spricht alles dafür, dass die Bezugnahme Breiviks auf die Tempelritter freimaurerischen Ursprungs ist; bis zu seinem Ausschluss am Tag unmittelbar nach der Tat war er Mitglied einer norwegischen Loge, wie ein Eintrag auf deren Homepage eindeutig feststellt.

Wie nämlich beispielsweise das von der Frankfurter Rundschau mitinitiierte Buch von Dieter A. Binder „Die Freimaurer“ feststellt, hat die Freimaurerei ab dem 18. Jahrhundert maßgeblichen Einfluss auf eine Mythisierung und Romantisierung des Rittertums genommen, insbesondere der Tempelritterorden spielt eine erhebliche Rolle (S. 45–48, S. 159–161). Das Freimaurerlexikon von Eugen Lehnhoff und Oskar Posner von 1932 stellt im Artikel „Knights Templar“ fest, dass ein mindestens zu dieser Zeit in angelsächsischen Ländern und in Schweden tätiger (Neu)Templer-Orden freimaurerischen Ursprungs ist. Der wahrscheinlich subkulturell einflussreichste Neutemplerorden ist der Ordo Templis Orientis (O.T.O.), der insbesondere durch seinen früheren Großmeister Aleister Crowley beispielsweise in der Popkultur und bei der Entstehung zahlreicher anderer esoterischer Organisationen (wie Scientology) eine beachtliche Rolle gespielt hat – und von vielen als satanistisch angesehen wird. Auch er ist in freimaurerischem Umfeld entstanden. Freilich ist damit natürlich nicht ein Bezug aller Freimaurer zur Esoterik oder zu Neutemplerorden festgestellt – und die tatsächliche Mitgliedschaft des Mörders in einem solchen ist nach heutigem Kenntnisstand unwahrscheinlich.

Dennoch: Wenn man den Massenmörder in seinen Motiven unbedingt anders als in psychiatrischen Kategorien erfassen will und wenn man wie Althoff eine Beziehung zur Religion herzustellen wünscht, dann sollte ein Bezug zur durch die Freimaurerei vermittelten Esoterik fairerweise an erster Stelle der Erwägung stehen. Hierher rühren die mythischen Tempelritterfantasien – ihr gewalttätiger Inhalt bleibt aber im Falle Breiviks eine Frage der behandelnden Ärzte und der den Fall verhandelnden Gerichte.