Bischof Müller im Interview über die dringende Neuevangelisierung Deutschlands: Christen sollten sich wieder mehr engagieren

Aufrichtigen Dank für das herzerfrischende Interview mit Bischof Müller von Regensburg (DT vom 28. September): Wie ihn, so ergreift auch mich langsam eine Ungeduld. Wir sollten uns endlich den wirklich wichtigen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte zuwenden, der Neuevangelisation unserer Heimat, der Erneuerung des Christlichen in unserem Land! Sie wurde den Priestern und Laien aufgetragen und keineswegs ein permanentes Nachdenken über kirchliche Strukturänderungen, vermeintliche oder tatsächliche Frauenprobleme und die angeblich veraltete Sexualethik. Gerade für die Sexualmoral ist doch das Horchen auf die erste, leise Aussage des Gewissens, gebildet an und hingeordnet auf die Weisungen Jesu, meist die richtige Orientierung.

Der neue Selige John Henry Newman hat schmunzelnd einmal gesagt, er würde gentlemenlike bei einem Toast, den er bei einem kirchlichen Dinner aussprechen sollte, zuerst den Toast auf das Gewissen, dann einen auf den Papst ausrufen. So manches aufgescheuchte Gewissen würde – wenn es demütig horchend vor Gott steht, wieder Ruhe und, wenn erforderlich, auch Verzeihung finden.

„Den Geist, der alles neu macht, erwartet die Kirche von oben“, sagt Bischof Müller, nicht von der Straße. Es gibt genügend Denominationen, welche die Forderungen der sogenannten „Kirche von unten“ seit langem verwirklicht haben. Warum treten die zahlreichen über den unerträglichen Reformstau Klagenden nicht in diese Gemeinschaften über und bewirken dort einen ungeheuren, auch die Ökumene beflügelnden Frömmigkeitsschub?

Und: Warum entdecken wir im ökumenischen Miteinander nicht neu und gemeinsam das Sakrament der Buße wieder? „Mit dem Feuer der Liebe“, wie Müller formuliert, wären gemeinsame Vorbereitungsangebote zu Buße, Umkehr und dem Bekenntnis persönlicher Schuld möglich und glaubwürdig. Ohne das Zurückfinden zum Sakrament der Buße kann es niemals einen wirklichen Neuanfang geben. Deshalb ist auch eine pauschale Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zur Eucharistie meines Erachtens nicht möglich.

„Das Fundament der Kirche ist Christus und nicht die Wanderdüne wechselnder Meinungen“, antwortet Bischof Müller im Interview. Bei schwerwiegenden medizinischen Problemen oder Forschungsprojekten würde sich niemand nach der Meinung von Pflegepersonal, Krankenhausverwaltern oder Rettungsdienstfahrern richten, so wichtig alle einzelnen Dienste für das Gesamte sind. Ebenso wenig kann die „Meinung“ noch so vieler Basiskatholiken zu Frauenweihe, Homosexualität, Priesterzölibat und Jungfrauengeburt Grundlage von Änderungen in Lehre und Institution sein.

Um hierzu eine fundierte Meinung äußern zu können oder gar entscheidungsfähig zu sein, sind Studium, solides Wissen und der Blick auf weltkirchliche Tragweite und theologische Konsequenzen unerlässlich. In der Klinik entscheiden Chefärzte nach reiflichen Konsultationen; die Weltkirche hat daher das Lehramt, Bischofssynoden, den Heiligen Vater. Ihre Aufgabe ist es, die Kirche zu leiten. Die Aufgabe der Laien ist es, das Licht des Glaubens in die Gesellschaft, in die Politik, in die Arbeitswelt hinauszutragen.

Dort jedoch fehlen vielerorts engagierte Christen; aus den katholischen Verbänden kamen früher zahlreiche junge politische Talente. Die Verbände sind geschrumpft, die engagierbereiten Christen verbrauchen sich heute im innerkirchlichen Gremiensalat.

Ich selbst war als Studentin Mitglied der Gemeinsamen Synode der Bistümer. Die jahrelange Sitzungstätigkeit dieses Projektes verschlang ungeheure Summen und band eine riesige Anzahl aktiver Katholiken für Jahre an diese Arbeit. Manch Gutes wurde publiziert, manch unberechtigte Hoffnung jedoch genährt.

Lang konnte man dann das Wort Synode nicht mehr hören, weil alle endlich wieder an die Arbeit vor Ort gehen wollten. Wer liest heute diese Papiere? Wie oft wurden sie überhaupt durchgearbeitet und wirklich rezipiert? Die Kirche sollte sich nicht von Unternehmensberatern die Themen diktieren lassen, die sie „auf Augenhöhe“ auf einer neuen Synode mit den Laien diskutieren soll. Auf Augenhöhe soll wohl heißen, one man – one vote, jede Meinung und Stimme soll wohl als gleichwertig bei Entscheidungen gelten. Das ist in unserer katholischen Kirche jedoch nicht möglich.