Bischof Ackermann fordert neue Sexualmoral – Zur Diskussion um die katholische Morallehre: Das ist der „Zeitgeist“ vergangener Jahrhunderte: Der breite Weg ist immer bequemer : Sünde, Umkehr? Wer weiß noch, was das ist? : Kategorien gnad

„Wir […] sind vermutlich auch schon einmal in eine schwere Sünde getappt.“ Ein Satz aus dem Beitrag „Sexualmoral und Gewissen“ von Georg Dietlein („Junge Federn“ in DT vom 15. Februar), der zum Widerspruch reizt, denn: Die „schwere Sünde“ ist bekanntermaßen definiert als eine vollkommen freiwillige, zustimmende und bewusste Missachtung eines göttliches Gebotes in einer schwerwiegenden Sache. So etwas ist schon eine ernsthafte und überlegte Angelegenheit, da „tappt“ man nicht einfach so hinein. Zum Glück.

In diesem Satz zeigt sich allerdings exemplarisch mehr als bloß der jugendliche Eifer des angehenden Juristen Dietlein, nämlich ein Verhängnis, das die katholische „Sexualmoral“ bereits seit langer Zeit mit sich herumschleppt. Im Zuge einer geradezu inflationären Ausweitung der Begriffe „schwere Sünde“ beziehungsweise gar „Todsünde“ seit der Zeit der karolingischen Bußbücher bis in die frühe Neuzeit, in der die Moraltheologen der großen Orden um die jeweils „strengere“ Variante der Sexualmoral wetteiferten, wurde ein Bereich innerhalb des gesamten moralischen Handelns des Menschen konstruiert, der offenbar eine Gradualität nicht zulässt. Früher gipfelte diese Sichtweise in dem knappen Merksatz „in sexto nunquam parvitas“ – frei übersetzt: Im Bereich der Sexualmoral (im 6. Gebot) gibt es niemals eine Geringfügigkeit (der Materie). Gibt es eine plausible Begründung dieses Satzes, die auch in heutiger Zeit noch bibelexegetische oder anthropologische Gültigkeit hätte? Fehlanzeige.

Was wir hier vor uns haben, ist ein „Zeitgeist“ vergangener Jahrhunderte, der auch heute noch – wenn auch in abgeschwächter Form – Wirkungen zeigt und verhindert, dass die wirklich positiven und lebensfördernden Inhalte katholischen Denkens über Liebe und Sexualität zur Geltung kommen können. Wo es keinen Weg gibt außer „schwerer Sünde“ oder eben „heroischem Tugendgrad“, wird es schwer bleiben, heutigen Menschen die kirchliche Lehre über die Sexualität nicht gleich als „Verbotsmoral“ erscheinen zu lassen. Wir sollten deshalb die Äußerungen Bischof Ackermanns nicht gleich als ein Nachgeben gegenüber dem „Zeitgeist“ verurteilen, sondern sehr ernsthaft bedenken, welche Modifikationen möglich sein können.

Kardinal Brandmüller hat Recht, wenn er sagt, dass sich weder die menschliche Natur noch die göttlichen Gebote ändern. Was sich aber ändert, ist unsere Erkenntnis von der menschlichen Natur und unsere Interpretation der immer in Menschenwort gefassten göttlichen Gebote, vor allem aber auch unsere Lebensumstände. Und die sind nun mal gravierend anders als vor 200, 500 oder 1 000 Jahren.

Zur Kontroverse um die katholische Morallehre: Soll die Kirche ihre Glaubens-Wahrheiten preisgeben, nur um dem Zeitgeist Rechnung zu tragen? Der „breite Weg“ ist immer bequemer als die „enge Pforte“.

Wie sagte schon der Heilige Escrivá de Balaguer: Wenn du den übernatürlichen Sinn deines Lebens aus dem Blick verlierst, ist deine Liebe bloß Menschenfreundlichkeit. (Der Weg)

Bevor man eine deutliche Veränderung für Moral und Sexualethik der Kirche einfordert (DT vom 8. Februar), sollte man sich die Frage nach dem Bewusstsein von Sünde und von der Notwendigkeit der Buße stellen, was der Durchschnitt der Menschen, wie jüngste Umfragen zeigen, überhaupt nicht tut, weil es angeblich „niemand versteht“.

In dem Maß, in dem der Sinn für Gott schwindet, schwindet auch das Gespür für die Sünde und damit auch der Sinn für Buße und Bekehrung. Das mangelnde Bewusstsein von Sünde hat zur Folge, dass die Menschen von heute sich kaum erlösungsbedürftig vorkommen. Was der Mensch der Gegenwart fürchtet ist nicht die Sünde, sondern Lebensübel wie Krankheit, soziale Ungerechtigkeit, Armut, Hunger, Verlust des Wohlstandes und schmerzhafter Tod. Es ist eine rein innerweltliche Furcht, während Gottesfurcht vielen völlig fremd ist. „In mir ist nichts, was erlöst werden muss“, sagte bereits Kurt Tucholsky.

Dabei wird die Botschaft Jesu andauernd verfälsch: Gott ist ein Gott der unbedingten Liebe; er liebt den Menschen ohne jede Voraussetzung und Bedingung von Seiten des Menschen, weil er der Gott der Liebe und nichts als Liebe ist. Der Mensch kann tun und treiben, was er will, Gott bleibt der unbedingt Liebende. Aber der Gott, den Jesus Christus uns gezeigt hat, ist der Heilige Gott, der mit dem ganzen Ernst seines Wesens seiner Liebe nur eine Bedingung stellt: Dass der Mensch sich von ihm auch lieben lassen will. Nur der Mensch, der sich vor Gott arm weiß und erlösungsbedürftig, der sich als Sünder vor Gott, dem Heiligen, bekennt, als Bettler mit leeren Händen vor ihm steht, nimmt seine Liebe ernst. Ansonsten gilt, was Jesus über die Achtzehn, über die der Turm von Siloah in Jerusalem einstürzte, sagte: „Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso umkommen!“ (Lk 13,5).

Hat Bischof Ackermann das wirklich so gesagt? Er hätte sich ganz missverständlich ausgedrückt und Kategorien gnadenlos durcheinandergeworfen. Was war denn der Anlass für ihn zum Redaktionsgespräch bei einer Zeitung in Mainz?