Berlin oder Bundesliga?

Seit einigen Tagen geht die Meldung durch die Presse, dass Englands Thronfolger-Paar William und Kate ihr drittes Kind erwarten. Die Menschen freut's, und auch die Medien jubilieren. So, wie man sich eben über die Ankunft eines neuen Erdenbürgers freut. Natürlich ist dieses Ereignis ein willkommener Anlass, um die Brücke zu schlagen zu einem Ereignis, das am 16. September in Berlin stattfinden wird: Der diesjährige „Marsch für das Leben“. Jährlich demonstrieren dort vor dem Bundeskanzleramt tausende Lebensschützer für das Lebensrecht von der Wiege bis zur Bahre. Man könnte jetzt kritische Vergleiche ziehen, wieso sich die Menschen auf der einen Seite über die Schwangerschaft des Prinzenpaares freuen, es für viele jedoch auf der anderen Seite kein Problem ist, eine Schwangerschaft durch Abtreibung gewaltsam zu beenden. Man könnte mal wieder ein Klagelied auf die unglaubliche Dekadenz des Westens anstimmen – und man hätte sogar allen Grund dazu!

Dennoch bin ich es langsam leid, immer und immer wieder dasselbe sagen oder schreiben zu müssen: Keiner schwangeren Frau ist damit geholfen, wenn man zulässt, dass sie ihr Kind abtreibt! Es ist kein Zellklumpen, der da entfernt wird, sondern ein Mensch, der getötet wird! All das wurde schon hundertmal gesagt und wiederholt. Geändert hat sich offensichtlich nichts.

Seit einigen Jahren fahre ich jährlich zum „Marsch für das Leben“ nach Berlin. Die Zahl der Teilnehmer steigt mit jedem Jahr und das ist auch gut so. Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen Gesicht zeigen und der Politik klarmachen, dass die schwächsten Glieder der Gesellschaft mehr Schutz brauchen. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, einen Kampf gegen Windmühlen zu führen.

Wenn man jedes Jahr aufs Neue die erschreckend hohen Abtreibungszahlen hört und sich bewusst macht, wie viele Menschen allein wieder in diesem Jahr bereits im Mutterleib ihr Leben lassen mussten, fällt es einem irgendwann schwer, nicht komplett auszurasten oder in Resignation zu verfallen.

Deshalb kann ich alle verstehen, die sich aus diesem Grund erst gar nicht auf den Weg nach Berlin machen. Ich kann jene verstehen, die von der „Welt da draußen“ dermaßen die Nase voll haben, dass sie sich lieber in die Wagenburg ihrer gleichgesinnten Freunde zurückziehen, um dort ein Leben in ungestörter Harmonie zu führen, ohne sich dauernd bei irgendwelchen ignoranten Mitmenschen rechtfertigen zu müssen. Ich kann jeden verstehen, der einfach keinen Bock mehr hat, zum „Marsch fürs Leben“ zu fahren.

Irgendwie ist es ja auch immer dasselbe. Man gurkt erst einmal ewig durch die Gegend, bis man in Berlin ankommt. Man hört bei der Kundgebung Geschichten von Betroffenen, die einem wirklich nahegehen und bewusst machen, welches Leid eine Abtreibung verursacht. Man lässt sich von Gegendemonstranten anbrüllen und beschimpfen. Dann fährt man nach Hause und wird später von den Medien lächerlich gemacht oder in eine faschistische Ecke gestellt, in der jene, die das Leben schützen wollen, doch erst recht nichts verloren haben.

Doch diejenigen, die an diesen Missständen konkret etwas ändern könnten, kriegen von all dem nichts mit. Soll das ewig so weitergehen?

Manchmal frage ich mich, ob es nicht sinnvoller wäre, ich würde mir stattdessen am betreffenden Samstagnachmittag zuhause die Bundesliga ansehen und mir dabei gemütlich ein Bier reinpfeifen. Ich selber habe ja begriffen, ich persönlich würde nie zulassen, dass meine Frau oder meine Tochter abtreibt. Und was die anderen angeht, kann ich doch eh nichts ändern. Wenn ich für die Betroffenen zuhause ein Gebet spreche, tue ich doch mindestens genauso viel für sie wie jene, die in Berlin beim Abschlussgottesdienst beten. Nur, dass ich mir im Gegensatz zu ihnen den Spießrutenlauf durch die Stadt erspare.

Im Laufe der Jahre ist mir klar geworden, dass es mit dem „Marsch für das Leben“ nicht getan ist. Lebensschutz ist mehr als einmal im Jahr zu demonstrieren. Früher habe ich mich oft gefragt, wie viele meiner Glaubensgeschwister zuhause bleiben können, während in Berlin die Post abgeht. Vielleicht weil ich dachte, sie würden das Anliegen nicht ernst genug nehmen. Heute sehe ich das ein wenig anders. Nicht jeder, der am 16. September zuhause bleiben wird, ist ein Feigling.

Ich gebe zu, dass es frustrierend sein kann, jedes Jahr in Berlin die gleichen Parolen zu hören. Sie sind eigentlich für die „Welt da draußen“ bestimmt, damit die Menschen endlich wachgerüttelt werden und damit aufhören, sich gegenseitig Leid zuzufügen. Doch oft, so scheint es zumindest, rufen wir sie uns nur selber zu. Weil die „Welt da draußen“ uns einfach nicht hören will. Wir applaudieren jenen, die unter Tränen von ihren Erfahrungen berichten und jetzt auf unserer Seite sind. Wir laufen stumm an den Gegendemonstranten vorbei, die unflätige Sprüche rufen und Abtreibung als Menschenrecht deklarieren. Wir sammeln uns zum Gottesdienst und beten für alle, die verletzt und getötet wurden, während hinter den Absperrungen das Pfeifkonzert ertönt. Und wenn wir nächstes Jahr dieselben hasserfüllten Gesichter wiedersehen, stellen wir fest: Bewirkt haben wir fast nichts.

Doch wenn am 16. September der Schiedsrichter das Spiel meines Herzensvereins gegen Schalke 04 anpfeift, werde ich nichts davon mitkriegen, weil ich in diesem Moment stumm durch die Straßen Berlins gehe, um Gesicht zu zeigen für das Lebensrecht aller Menschen. Gemeinsam mit einigen tausend Menschen, die sich aus den verschiedenen Ecken Deutschlands ebenfalls auf den Weg zum „Marsch für das Leben“ gemacht haben. Ich werde wieder geschockt sein von den persönlichen Zeugnissen, den neuen Abtreibungszahlen und den hasserfüllten Gesichtern der Gegendemonstranten.

Doch ich werde die Hoffnung einfach nicht aufgeben, dass sich eines Tages doch noch etwas ändern wird. Wenn ich all die fröhlichen Menschen sehe, die ebenfalls gekommen sind, wird mir klar, dass Berlin vielleicht der Beginn einer Willkommenskultur ist, die auch die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft nicht ausschließt. Und diese Hoffnung werde ich mir nicht nehmen lassen.

Der Autor studiert Theologie in Bonn und volontiert beim katholischen TV-Sender EWTN